Berlin Krimi Rätsel 7 - Mord auf dem Weihnachtsmarkt am Alex

Wer war der Mörder? Lies alles über den 7. Fall des Berliner Detektivduos Jackie und Max und probier selbst auf Lösung des Berlin Krimi Rätsel #7 zu kommen!

Und wenn du wissen willst, wie alles begann... Lies auch unsere Berlin Krimi Rätsel #1, #2, #3, #4, #5 und #6

Ein wichtiger Hinweis noch: den folgenden Kurzkrimi haben wir bereits Wochen vor dem schrecklichen Attentat in Berlin geschrieben. Der Schauplatz eines Weihnachtsmarktes in Berlin für einen Mordfall soll also keine Anspielung darauf sein. Wir haben trotzdem im Sinne der Freiheit der Kunst entschieden, die Geschichte unverändert zu veröffentlichen. Für uns sind reale Gewalt und ein fiktiver Mordfall in einem spannenden Krimis zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Wir hoffen daher, ihr habt Spaß beim lesen und rätseln und wünschen euch frohe, gesunde und sichere Weihnachten!

Mundgeblasene Unikate

‚‚Jackie, schau mal wie süüüüüß! Diese geflügelten Rentiere!‘‘ Jackie musterte erst die glitzernden, mundgeblasenenen, dickbäuchigen Tierfiguren, dann ihre Zwillingsschwester kritisch. ‚‚Mit dem blauen Lametta kommt das superschick und trendy‘‘, stimmte sie schließlich zu. Jackie grinste. Josie und sie waren sich selten einig, obwohl sie Zwillinge waren. Aber dieser Besuch auf dem Weihnachtsmarkt am Alex ließ sich überraschend gut an. Josie – eigentlich Joceline – war genau wie sie mittelgroß, blond und schlank und ihre Gesichtszüge glichen sich, wie ein Ei dem anderen. Aber anders als Jackie, legte ihre Schwester viel Wert auf Make-Up, schicke Kleidung und die Meinung ihrer Mitmenschen. Nach Josie drehten sich die Männer um. Neben ihrer strahlenden Schwester fühlte sich Jackie immer ein bisschen wie Aschenbrödel.

Josie suchte sich 3 rotnäsige Rentiere mit filligranen Flügeln aus dem Sortiment. Der kahlköpfige Verkäufer beugte sich verschwörerisch nach vorne. ‚‚Hübsch, nicht wahr? Und etwas ganz Besonderes! Diese Prachtstücke gibt es nur hier an meinem Stand. Ich kenne den Künstler persönlich. Weil Sie so eine nette Dame sind bekommen sie 5 Rudys für den unschlagbaren Sonderpreis von 80 Euro statt für den Originalpreis von 100 Euro.‘‘ Josies Augen begannen zu leuchten. ‚‚Das ist ja nett!‘‘ Sie zückte ihr Portmonee und sagte lächelnd zu Jackie: ‚‚Schwesterherz, zwei Rudys sind dann für dich.‘‘

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Doch nur 5 Minuten später schäumte Josie vor Wut. Sie standen neben dem Glühweinstand an der Weltzeituhr und hatten direkten Blick auf einen Weihnachtsmarktstand mit Christbaumkugeln und anderem Glasschmuck. Es waren exakt die gleichen Figuren, wie die eben gekauften. Nur waren diese Glastiere und Kugeln halb so teuer! ‚‚Von wegen Unikate‘‘, fauchte Josie wütend. ‚‚Diese Verkäufer zocken einen einfach nur ab. Kein Wort darf man denen glauben.‘‘ Jackie sah sich suchend nach Max um. Er war schon 15 Minuten zu spät – das war mal wieder typisch.

Josie folgte ihrem suchenden Blick und sagte mitfühlend: ‚‚Hat dich dein Date versetzt?‘‘ Sie musterte Jackie und sagte kopfschüttelnd: ‚‚Glätte dir doch mal die Haare und trag‘ sie offen, statt diesem kindischen Pferdeschwanz. Etwas Lippenstift, Eyeliner und Mascara würde auch nicht schaden. Und diese Turnschuhe betonen auch nicht gerade deine Weiblichkeit!‘‘ Josie warf ihre leuchtende blonde Mähne zurück und zog die Blicke der umstehenden Männer wie immer auf sich. Sie zog Jackie das Haargummi aus den Haaren, holte einen Lippenstift aus ihrer Handtasche und hielt Jackies Kinn fest. Jackie schloss die Augen und wiederholte im Geist: Nur nicht ausrasten. Nur nicht ausrasten

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‚‚Schon viel besser!‘‘, sagte Josie aufmunternd. ‚‚Oh, guck mal da vorne auf 8 Uhr ein unglaublich heißer Typ mit dunklem Dreitagebart. Lächel‘ ihn mal direkt an und spiel mit deinen Haaren. Wir üben das jetzt so lange, bis du den Dreh raus hast.‘‘ Jackie öffnete ein Auge, lächelte und erstarrte, als sie den heißen Typen erkannte, den ihre Schwester meinte. Er lächelte zurück und steuerte direkt auf sie zu. Josie klatschte begeistert in die Hände und sagte zufrieden: ‚‚Es hat funktioniert! Siehst du Jay-Jay? Mach was aus dir und du vernaschst diesen Knackarsch zum Nachtisch.‘‘ Der besagte heiße Typ ließ seinen Blick bewundernd über Josie gleiten. ‚‚Du bist also die berühmte Schwester. Hi, ich bin Max!‘‘ Er beugte sich zu Jackie herab, umarmte sie zur Begrüßung und raunte ihr ins Ohr: ‚‚Lippenstift steht dir, solltest du öfter tragen.‘‘

Jackie hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben und ihm in deutlichen Worten erklärt, was sie von oberflächlichen Vollpfosten hielt. Stattdessen raunte sie zurück: ‚‚Josie ist übrigens gerade wieder zu haben.‘‘ Jetzt hätte sie am liebsten sich eine Ohrfeige gegeben. Max schenkte Josie sein 1000-Watt lächeln und Jackie sah, wie ihre Schwester begann wie ein Weihnachtsbaum zu strahlen. Sie befeuchtete ihre Lippen, legte eine Hand auf Max Arm und gurrte: ‚‚Du bist also der berühmte Max. Ich bin Jackies vernünftige, gut erzogene, bessere Hälfte!“ Max lachte über diesen blöden Witz und lies Josies Hand liegen wo sie lag. Jackie stürzte ihren Glühwein hinunter und knallte die Tasse auf den Tisch. Romeo und Julia. Oder ich bin hier in einem dieser furchtbaren Hollywood-Schmonzetten und Miss Perfect hat ihren Mister Perfect gefunden. Sie sagte laut: ‚‚Man, ich brauch jetzt Glühwein. Oder besser zwei.“  – ‚‚Ich gebe euch erstmal eine Runde Glühwein aus‘‘, sagte Max, ‚‚aber betrinkt euch nicht, sonst geht es euch wie dem da.‘‘ Er wies mit dem Kopf auf den Glaskunst-Verkäufer mit den viel billigeren Figuren, der sich eben tatsächlich neben seinem eigenen Stand erbrach. ‚‚Ach du Schande!‘‘, flüsterte Josie, ‚‚ist ja voll peinlich der Typ, sich als Verkäufer so zu besaufen. Vielleicht doch gut, dass wir nicht bei dem gekauft haben.‘‘***

Aber für Jackie sah der hagere blonde Mann, der jetzt in die Knie gegangen war, überhaupt nicht betrunken aus. Eher todkrank. ‚‚Ich glaub, da stimmt was nicht.‘‘ Auch andere Besucher des Weihnachtsmarkts blieben jetzt stehen und reckten die Köpfe. Jackie ließ ihre Schwester stehen und eilte zu dem Mann. ‚‚Brauchen Sie Hilfe?‘‘ Der Mann sah kreidebleich aus und röchelte. Jackie musste sich zu ihm herunterbeugen um zu verstehen, was er sagen wollte. ‚‚Meine Haut…. so kalt…. Ich… vergiftet… Arzt bitte…‘‘ Dann bäumte sich sein Körper in Krämpfen auf und der Mann wurde bewusstlos. Es dauerte nicht lange, bis der Krankenwagen eintraf. Aber der Mann war schon tot.

Jackie und Max beginnen Das Übliche

Inzwischen hatte sich eine riesige Menschentraube um den Stand gebildet. Die Polizei war ebenfalls eingetroffen – Jackie hatte sie gleich nach dem Krankenwagen alarmiert und erzählt, was der Tote ihr gesagt hatte. Max redete gerade mit dem Manager des Weihnachtsmarkts. Er war besser darin, Aufträge an Land zu ziehen als sie, das musste sie ihm lassen. ‚‚Sorry, Max und ich ziehen Mord einfach an‘‘, sagte Jackie entschuldigend zu ihrer immer noch unter Schock stehenden Schwester. ‚‚Wir müssen uns sofort an die Arbeit machen: Zeugen befragen, Indizien sammeln, uns mit der Polizei verständigen. Das Übliche eben.‘‘ Josie keuchte: ‚‚Das Übliche?? Alles klar, ich fahr‘ dann jetzt nach Hause, wir telefonieren.‘‘ Sie drückte Jackie kurz und fügte mit einem eindringlichen Blick hinzu: ‚‚Über deinen Max müssen wir uns dringend noch ausführlich unterhalten! Du hast völlig unterschlagen, wie gut der Typ aussieht. Und diese tiefe Stimme und diese Ausstrahlung von ungezügelter Männlichkeit!“ Josies Augen glühten. Jackie seufzte: „„Intelligent ist er auch.“ Josie musterte Max, der sich durchs Gedränge kämpfte, wie einen preisgekrönten Stier und sagte hungrig: „„Eine von uns beiden muss ihn sich krallen!‘‘

‚‚Wir haben den Auftrag‘‘, sagte Max freudig und reichte Jackie eine Tasse mit heißen Glühwein. Es hatte inzwischen angefangen zu schneien und Jackie setzte sich eine weiße Wollmütze mit roten Bommeln auf. ‚‚Ich habe eben schon kurz mit Elke, der Frau von der Spurensicherung gesprochen. Sie meint, es kann sich tatsächlich um eine Vergiftung handeln. Die Verkäuferin vom Bratwurststand hat ausgesagt, dass Lukas Korbinian, so heißt der Tote, schon den ganzen Nachmittag auffällig oft auf’s Dixieklo gerannt ist und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch gehalten hat. Sie hatte sich schon Sorgen gemacht, weil er kurz zuvor an ihrem Stand zu Mittag gegessen hatte. Sie schwört, ihr Bio-Fleisch sei tadellos und kein anderer ihrer Kunden hätte irgendwelche Krankheitssymptome. Elke sagt, die Koliken und das Erbrechen, die bleiche Hautverfärbung und dass er so gefroren hat, obwohl er ziemlich dick angezogen war, deuten auf eine Vergiftung mit Arsen hin.‘‘

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Jackie sah ihn verblüfft an: ‚‚Ist das nicht total einfach nachzuweisen? Wer mordet denn heute noch mit Arsen? Es gibt doch mittlerweise viel subtilere Gifte.‘‘ Max zuckte die Schultern. ‚‚Stimmt. Das kann also bedeuten, unser Mörder ist nicht gerade pfiffig. Oder zumindest nicht darin bewandert, was die modernen Mittel der Verbrechensbekämpfung angeht. Wir sollten damit beginnen, die Standbesitzer aus dem Umfeld des Ermordeten zu verhören. Also erstmal alle, die ähnlichen Kram verkaufen.“ Jackie nickte. ‚‚Meist kennt der Ermordete seinen Mörder. Nur einer von 5 Mördern ist seinem Opfer laut Statistik nicht bekannt“, stimmte sie zu. Das war jetzt schon der 7. Mordfall, den sie mit Max aufklären würde und der zweite Mordfall ihrer neu eröffneten Detektei. Jackie zweifelte keine Sekunde daran, dass sie den Mörder schnappen würden.

‚‚Ich weiß schon, wen wir zuerst befragen“, sagte Jackie. Sie wickelte ihre zwei Rentiere aus dem Seidenpapier und verglich sie mit den Figuren auf dem Stand des Ermordeten. ‚‚Die Figuren sind eindeutig vom gleichen Künstler, wie an dem Stand, an dem Josie diese Figuren gekauft hat. Und der Verkäufer dort erzählte etwas von Unikaten und er sei der einzige Verkäufer, der diese Figuren auf dem Weihnachtsmarkt hier anbietet. Vielleicht hat er da schon von seiner Zukunft gesprochen. Ich meine, so dreist zu lügen, wenn nur 10 Stände weiter ein Stand den gleichen Kram verkauft, ist doch schon blöd.“ Max grinste. Er sah sich suchend um und fragte: ‚‚Ist Josie schon gegangen?“ Jackie nickte und fragte: ‚‚Und, wie fandest du sie?“ – ‚‚Echt witzig und nett und so.“ Und so. Vor allem und so, dachte Jackie. Übersetzt heißt das verdammt heiß oder unglaublich sexy. Sie sagte: ‚‚Du hast doch nur 2 Sätze mit ihr gesprochen.“ Max grinste: ‚‚Ich habe dafür einen 6. Sinn. Bei dir wusste ich auch gleich, dass du eigentlich keine fiese Mörderin bist, sondern nur eine freche Göre.“

Der Konkurrent

Der Glatzkopf mit den überteuerten Rentier-Figuren begrüßte sie freundlich. Aber Jackie kam direkt zur Sache. ‚‚Sie haben uns belogen. Es gibt nur wenige Meter weiter noch einen Stand, der genau das Gleiche verkauft wie sie. Und das 25% billiger! Und wissen Sie was? – der Standbesitzer ist gerade tot umgefallen. Ermordet!“ Schlagartig gefror das Lächeln des Glatzkopfs. ‚‚Lukas ist tot? Sind sie sich sicher?“ Max erwiderte ungeduldig: ‚‚Was Sie glauben Sie denn, wieso hier Polizei und Krankenwagen vorgefahren sind?“

Der Glatzkopf zuckte die Achseln. ‚‚Das ist hier am Alex nichts so besonderes. Ich dachte, da ist wieder einer durchgeknallt, oder es gab einen Streit zwischen Besoffenen. Von hier aus konnte ich ja nicht sehen, was da passiert ist. Und meinen Stand verlasse ich – wenn überhaupt – nur, um auszutreten. Hier sind zu viele Langfinger unterwegs.“ Jackie notierte in Gedanken, dass der Glatzkopf zwar recht überrascht aber keineswegs betroffen von der Nachricht wirkte, obwohl er den Toten gerade beim Vornamen genannt hatte.

‚‚Sie kannten den Ermordeten?“, fragte sie. Der Glatzkopf schnaubte. ‚‚Lukas Korbinian hat mir schon seit Jahren das Geschäft kaputt gemacht. Er wohnt in Tiefenberg im Erzgebirge, wie ich und die Kunstglasbläser und Figurendrechsler vom Werkbund da drüben. Der Lukas hat viel Kohle geerbt und hat durch Preisdumping einen nach dem anderen ausgebootet, nur weil er’s konnte. Der ganze Ort hat noch vor gut zehn Jahren vom Kunsthandwerk gelebt. Aber Lukas hat die Sachen teilweise sogar unter dem Einkaufspreis verschleudert, bis nach und nach die Konkurrenz ausgeschaltet war. Übrig geblieben sind nur ich und der Werkbund Tiefenberg, der seinen Stand da drüben hat. Aber die hatten dieses Jahr schon Mühe überhaupt die Standmiete aufzubringen. Lukas hat das über Jahrhunderte gewachsene Gewerbe in unserem Dorf zerstört.“

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‚‚Das klingt nicht so, als ob sie seinen Tod bedauern würden, Herr Hofert“. Den Namen des Verkäufers hatte Max aus einer Liste, die ihm der Manager des Weihnachtsmarkts gegeben hatte. Hofert wich seinem Blick aus und sortierte seine Auslage. ‚‚Verstehen sie mich nicht falsch“, sagte er. ‚‚Ich habe Lukas für seine Geschäftspraktiken gehasst und ohne ihn sind wir alle besser dran. Aber ich bin kein Mörder. Wie wurde er überhaupt ermordet? Sind Sie von der Polizei? Dann möchte ich jetzt erstmal Ihren Ausweis sehen!“

Während Max dem Mann erklärte, dass sie im Auftrag des Managements als Detektive ermittelten und den eben geschlossenen Vertrag vorwies, ließ Jackie den Blick über die ultra kitschigen Glaskunstobjekte am Stand schweifen. Vorher war ihr gar nicht aufgefallen, dass sich hier auch gläserne Pokemon-Figuren und fast schon unanständig halbnackte Engel mit süßlichen Gesichtszügen darunter befanden. ‚‚Sind das nun Unikate oder nicht?“, fragte sie. ‚‚Sagen Sie uns die Wahrheit. Die Figuren beim Stand des toten Herrn Korbinian sind doch exakt die gleichen.“

‚‚Das sind Unikate aus der Hand von Johannes Vetering, einem Glasbläser aus Tiefenberg“, beharrte Hofert. ‚‚Bis zu diesem Jahr hatte ich mit ihm einen Exklusiv-Deal. Aber heute sind selbst Künstler käuflich. Ich wette, Lukas hat ihn irgendwie bestochen oder gezwungen, ihm auch zu verkaufen. Der hatte seine Methoden. Erst vor einer Woche hat Johannes mir unseren Deal aus heiterem Himmel aufgekündigt. Ich dachte bis heute, da wäre das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn wir verstehen uns eigentlich gut. Und das Geschäft mit dieser zeitgenössischen Glaskunst“ – er wies auf gläserne Pokemon, Star Wars und X-Men-Figuren – ‚‚läuft wirklich gut. Sie müssten mal sehen, was Touristen für diese Figürchen zahlen. Normalerweise kaufen die Leute gleich für den ganzen Baum ein, also mindestens 30 Figuren. Japaner und Amis sind meine besten Kunden.“

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Hofert klopfte sich auf die Brust und erklärte stolz: ‚‚Sie sollten es mir übrigens hoch anrechnen, wie kooperativ ich bin. Johannes Vetering ist nämlich zufällig diese Woche in Berlin. Ich habe ihn erst gestern am Glühweinstand gesehen, den alten Säufer. Er ist nicht gut auf mich zu sprechen, aber ich weiß, dass er sich für Kriminologie und sowas interessiert, passionierter Krimifan, wissen Sie. Er wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit zwei echten Detektiven über einen echten Mord zu sprechen. Ich kann für Sie ein Treffen arrangieren, wenn Ihnen das weiterhilft.“ Max gab ihm seine Handynummer und speicherte Herrn Hoferts Kontaktdaten ab. ‚‚Komm“, sagte er zu Jackie. ‚‚Wir nehmen uns mal diesen Erzgebirgs-Stand vor.“

Der Werkbund Tiefenberg

Der Gemeinschaftsstand der Erzgebirgskünstler war gut besucht und zeigte die typische Sammlung von Schwibbögen, traditionell gedrechselten Figürchen, stattlichen Nussknackern, farbenfrohen Räuchermännern und natürlich Erzgebirgspyramiden in allen Größen und Preisklassen. Insgesamt 5 Personen standen hinter der Auslage. Jackie und Max erklärten dem Standleiter, Olaf Kormann, einem bärtigen älteren Herrn mit dicken, buschigen Augenbrauen und schwieligen Händen, wer sie waren. Am Gemeinschaftstand hatte man den Aufruhr um den Mord an Lukas Korbinian aufmerksam verfolgt.

Kormann räusperte sich und erklärte: ‚‚Wir alle hier bedauern natürlich zutiefst, was unserem Kollegen widerfahren ist. Obwohl wir wahrlich keinen Grund hatten, ihn zu mögen. Herr Korbinian hat die letzten 5 Jahre systematisch unsere Existenzgrundlage zerstört. Dass er jetzt so endet, ist vielleicht, nun ja, göttliche Gerechtigkeit.“ Max und Jackie wurden hellhörig. ‚‚Er hatte reich geerbt und hat sein Vermögen dazu benutzt, ein Monopol in unserem Heimatdorf aufzubauen. Das ist aus Ihrer Sicht vermutlich nicht verwerflich, sondern einfach die Freiheit des Kapitalismus. Früher hätte es sowas nicht gegeben, damals in der DDR war nicht alles schlecht, wissen Sie? Aber jetzt herrscht ja der Kampf aller gegen alle.“

Bevor der Standleiter in politische Reden abdriften konnte, unterbrach ihn Jackie: ‚‚Hat den jemand von Ihnen besonders unter Korbinian zu leiden gehabt?“ Kormann zuckte die Achseln: ‚‚Wir alle! Aber wir halten zusammen. Elsa hier zum Beispiel ist jetzt auf Hartz IV, dank dem Kapitalistenschwein. Sie musste ihren Glaskunstladen schließen, der seit über 100 Jahren ihrer Familie gehörte. Jetzt verdient sie sich bei uns zumindest ein Taschengeld dazu.“ Er nickte hinüber zu einer kleinen, unscheinbaren Mittvierzigerin mit runder Brille und einem altmodischen Dutt, die gerade ein Räuchermännchen an ein amerikanisches Touristenpaar verkaufte. Sie warf einen kurzen, nervösen Blick zu ihnen hinüber, als sie ihren Namen hörte und widmete sich dann sofort wieder dem Verpacken der Figur.

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‚‚Korbinian war, wie man so schön sagt, ein guter Geschäftmann. Soll heißen: rücksichtslos! Sein Wort galt nichts und wer ihm ohne schriftlichen Vertrag vertraut hatte, musste das bitterlich büßen, wie Elsa, Ruth, Günter, Daniel und ich selbst auch.“ Er wies nacheinander auf die Mitglieder des Werkbunds Tiefenberg. ‚‚Ich habe es immerhin geschafft, über Wasser zu bleiben und diese Werkgemeinschaft ins Leben gerufen. Sozial zu denken zählt heute ja für die meisten nichts mehr. Genauso wenig wie echte Traditionskunst. Ich habe das Drechseln noch von meinem Vater gelernt. Und jetzt schauen Sie sich mal an, was die anderen Stände für einen scheußlichen Kitsch verkaufen!‘‘ Er machte eine ausladende Handbewegung, die den gesamten restlichen Weihnachtsmarkt einzuschließen schien.

‚‚Auch Gernot Hofert verkauft den gleichen Mist wie Korbinian. Er hat das Potential von Veterings Kitschkunst früh erkannt und konnte sich deswegen lange allein behaupten. Aber Korbinian hat ihn auch an die Wand gedrängt, der steht jetzt kurz vor der Pleite. Hofert hatte bis zu diesem Jahr einen Exklusiv-Deal mit Vetering – aber den hat er wohl selbst vermasselt. Es gab da einen unschönen Streit auf dem Dorfplatz. Ich weiß das nur aus dritter Hand, aber Vetering soll Hofert wutentbrannt die Zusammenarbeit gekündigt haben. Hofert hat wohl versucht, ihn über Erpressung und Anwälte an sich zu binden. Naja, obszöne Figuren am Tannenbaum, das ist sowieso Blasphemie, wenn sie mich Fragen. Das hat man davon, wenn man einen Pakt mit dem Teufel schließt!“, ereiferte sich der Alte. ‚‚Und der Teufel wäre in diesem Fall Johannes Vetering?“, fragte Jackie. Herr Kormann schüttelte energisch den Kopf: ‚‚Der Teufel ist natürlich das Geld!“

Ein verkannter Künstler

Johannes Vetering hatte dunkle Ringe unter den Augen und klammerte sich an einem Glühweinbecher fest. Er war klein, hatte angegrautes dunkles Haar, trug eine Hornbrille und sah ein bisschen schmierig aus, fand Jackie. ‚‚Haben sie schon einen Verdacht?“, fragte er interessiert. ‚‚Ich will niemanden an den Pranger stellen, aber wenn sie mich fragen, dann sollte Gernot Hofert ihr Hauptverdächtiger sein.“ Max legte überrascht den Kopf zur Seite. ‚‚Aber Herr Hofert hat doch dieses Treffen arrangiert! Wenn Sie so schlecht auf ihn zu sprechen sind, warum haben Sie sich dann darauf eingelassen und sind hergekommen?“

Vetering lachte trocken: ‚‚Vielleicht hat Gernot damit gerechnet, dass ich das Treffen mit Ihnen verweigere und mich dadurch verdächtig mache. Da hat er falsch gedacht! Wissen Sie, wir waren früher recht gut befreundet. Bis er versucht hat, mich mit seinem Wissen über gewisse, nun ja, Affären meinerseits zu erpressen. Dabei ist mir doch egal, was die Leute über mich reden. Mein Ruf in Tiefenberg ist sowieso ruiniert.‘‘ Er zuckte die Achseln und bestellte einen weiteren Glühwein bei der vollbusigen Schankfrau, bereits seinen dritten, seit sie mit ihm sprachen. ‚‚Geiler Glühwein, oder?‘‘, sagte und hob die Tasse. Die Verkäuferin ergänzte: ‚‚Den kriegense nur bei uns! Wir sind hier am Alex der einzige Stand mit Heidelbeerglühwein.‘‘

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‚‚Um auf den Mord zurückzukommen, Herr Vetering‘‘, nahm Jackie den Faden wieder auf, ‚‚Ihr Ruf ist ruiniert, weil Sie mit Korbinian zusammen arbeiteten?‘‘ Der Künstler seufzte. ‚‚Ja, auch deshalb. Weil ich nur noch für Korbinian arbeite – ich meine gearbeitet hätte. Wissen Sie, mir gefiel Korbinians Monopol auch nicht, aber die Erzgebirgs-Kunst so wie wir sie von unseren Eltern kennen, hat ihre beste Zeit hinter sich. Handgemacht und mundgeblasen ist nun mal teurer als die Fließbandware und den Unterschied sehen nur Kenner. Der einzige Ausweg sind moderne, zeitgemäße Motive: fresh und sexy!“ Vetering zwinkerte der Glühweinverkäuferin zu.

Er blickte kurz zum Stand des Werkbunds Tiefenberg hinüber und schüttelte den Kopf. ‚‚Der alte Narr da drüben lebt im Gestern. Jetzt da Korbinian tot ist, kann ich jedenfalls endlich mein eigenes Geschäft aufmachen. Da bleibt bestimmt mehr für mich übrig, ohne Zwischenhändler. Hofert hat mich nämlich nach Strich und Faden betrogen. Statt den vereinbarten 25% hat er sich letztes Jahr sage und schreibe 45% des Umsatzes genommen. Gott sei Dank hat Elsa mir das gesteckt. Dass er jetzt finanziell so schlecht da steht, geschieht ihm ganz recht.“ Jackie nahm einen wohltuend warmen Schluck Glühwein mit Schuss.

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‚‚Warum haben Sie denn überhaupt einen Vertrag mit Korbinian geschlossen, wenn sie doch lieber selbst verkaufen möchten?“ Der Künstler lachte höhnisch. ‚‚Der hat mich ausgetrickst. Hat Billigdublikate meiner Kunst in Tschechien anfertigen lassen und mir damit gedroht, den Markt damit zu überschwemmen, wenn ich nicht unterschreibe. Korbinian bot mir nur einen lausigen Prozentsatz. Aber mir blieb nichts anderes übrig. Außerdem war ich stinkwütend auf den Betrug vom Hofert. Und der Werkbund ist eine verschworene Gemeinschaft. Ich bin förmlich auf den Knien vor dem alten Kormann gerutscht, aber er hasst meine Kunst und bezeichnet mich als Verräter an der Tradition. Mit Korbinian und Hofert hat der nicht mal gesprochen, denn die waren für ihn Kapitalistenschweine. Wissen Sie, wie das ist, in einem kleinen Dorf zu leben und keiner grüßt einen mehr?‘‘

In diesem Moment, wandte sich die Glühweinverkäuferin ihnen wieder zu: ‚‚Noch ein Schlückchen, Johannes? In einer Stunde habe ich Feierabend. Und wie ich dich kenne, willst du noch einen.‘‘ Max fragte: ‚‚Herr Vetering ist wohl Stammkunde hier?“ Die Schankfrau lachte. ‚‚Mein Lieblingskunde‘‘, sagte sie, schenkte Vetering ein warmes Lächeln und füllte seinen Becher nach. ‚‚Er kommt mich hier sogar öfter besuchen als meine liebe Freundin Elsa.‘‘ Sie nickte kurz in Richtung des Werkbundstandes. ‚‚Warst ja erst vor ’ner guten Stunde zu deinem ersten Glühweinchen hier, wa Johannes?‘‘ neckte sie den Künstler, dem das offensichtlich ein bisschen peinlich war. Also ist das jetzt gerade mindestens sein fünfter Glühwein heute Abend, stellte Jackie fest.

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‚‚Ach, sehr interessant‘‘, sagte Max. ‚‚Sie kennen die Leute vom Erzgebirgsstand?‘‘ Sie schüttelte leicht den Kopf: ‚‚Eigentlich nur Elsa. Sie hat sich gleich am Eröffnungstag des Weihnachtsmarkts so nett mit mir unterhalten und seitdem kommt sie täglich auf einen Tratsch vorbei. Die Arme hat ja viel durchgemacht, aber jetzt scheint endlich wieder Freude am Leben zu haben. Wissen Sie, gestern hat sie sogar einen Glühwein bestellt. Mit doppeltem Schuss! Dabei hat sie mir erzählt, das sie seit dem Verlust ihres Geschäfts eigentlich gelobt hatte, keinen Schluck mehr zu trinken. Sie ist wirklich eine ganz Liebe. Hat mich sogar heute Mittag am Stand vertreten, als ich kurz Weihnachtsgeschenke besorgen war. Johannes trinkt seinen Glühwein übrigens ohne Schnaps, dafür gern.‘‘ 

Vetering nickte. ‚‚Elsa ist die Einzige von den Erzgebirglern, die noch mit mir redet, seit meinem Sündenfall.‘‘ Er schnaubte. ‚‚Ihr Mann ist bei den Pharmawerken im Tal Chemielaborant. Sie hat ihn sogar dazu gebracht, den Firmenweihnachtsbaum mit meiner Kunst zu verschönern, die Gute. Ich fürchte allerdings, sie findet mich ein bisschen zu toll. Sie wissen ja: Frauen lieben Künstler‘‘. Vetering sah erwartungsvoll in Richtung der Schankfrau. Oha. Da hat einer Interesse an mehr als Glühwein, dachte Jackie und verkniff sich ein Grinsen.

Haftbefehl

‚‚Der Vetering steht auf die Schankfrau!‘‘, platze Jackie heraus, kaum war der Künstler verschwunden. Max gähnte. ‚‚Der Vetering hatte vermutlich Sex mit der Schankfrau“, korrigierte er. ‚‚Sie hat einen Knutschfleck am Hals. Außerdem war da dieses intime Lächeln, dass zwei Menschen erst nach einem Schäferstündchen tauschen. Als sie ihm Glühwein nachschenkte, nutzte sie die Gelegenheit, um ihn sanft zu berühren. Außerdem beugte sie sich so tief vor, dass sein Blick unweigerlich in ihren Ausschnitt fallen musste. Und der blieb dort auch eine ganze Weile haften. Vor lauter sexueller Anspannung knisterte die Luft ja geradezu.“ Jackie war nichts davon aufgefallen. Sie schluckte. So viel zum Thema Meisterdetektivin…

‚‚Ich dachte immer, du wärst ein emotionaler Analphabet und kriegst gar nicht mit, was da so abgeht‘‘, hörte sie sich überrascht laut aussprechen. Max sah amüsiert aus und meinte süffisant: ‚‚Was da so abgeht? Du meinst, zum Beispiel, dass mich so gut wie jede Frau gern vernaschen würde? Klar kriege ich das mit.‘‘ Jackie verschlug es die Sprache. In ihrem Kopf ratterten die Gedanken. Aber bevor sie etwas erwidern konnte, wurde sie erlöst.

‚‚Meine 2 Lieblingsspürnasen!‘‘, rief eine dunkle, sympathische Stimme hinter ihnen. Es war Martin, ihr Kontakt bei der Polizei, der inzwischen mit einem Fuß in einer Beziehung mit ihrer Freundin Marlies stand. Martin umarmte Jackie, klopfte Max auf die Schulter und sagte: ‚‚So ein Zufall, dass ihr hier seid. Ihr werdet nicht glauben was hier passiert ist!“ Jackie und Max tauschten einen Blick und sagten gleichzeitig: ‚‚Ein Mord“. Martin sah von einem zum anderen und nickte. Er war nicht auf den Kopf gefallen. „„Hätte ich mir ja denken können. Deswegen seit ihr zwei auch hier. Vermutlich fleißig am arbeiten. Habt ihr den Mord etwa schon aufgeklärt? Wisst ihr, ich traue euch so manches zu.“ Er zwinkerte Jackie zu.

***

‚‚Wir haben schon mehrere Verdächtige befragt und uns ein erstes Bild gemacht. Hol dir doch einen Glühwein, dann weihen wir dich in alles ein.“ Der junge Kommisar zog entsetzt die Augenbrauen hoch. ‚‚Ich bin gerade dabei, alle Glühweinstände hier zu schließen. An eurer Stelle würde ich dieses Gesöff nicht austrinken. Denn das dürfte neu für euch sein: Das Opfer, Lukas Korbinian, wurde vermutlich mit arsenhaltigen Glühwein vergiftet. Genauer gesagt, mit Heidelbeerglühwein. Das verriet die Analyse seines Mageninhalts.“ Max pfiff durch die Zähne und stellte seine Glühweintasse hastig zur Seite. ‚‚Wie lange dauert es denn normalerweise bis das Arsen – er schluckte – seine Wirkung zeigt?“

Martin sagte: ‚‚Das ist ganz unterschiedlich. Es beginnt immer mit Durchfall, Übelkeit und Krämpfen. Bei der hohen Konzentration, die unsere Pathologen im Glühwein aus Korbinians Magen festgestellt haben, gehen sie von einer Zeitspanne von 4 maximal 5 Stunden von der Einnahme bis zum Exitus aus.‘‘ Jackie sah auf die Uhr. Es war fast 19 Uhr. Korbinians Tod war schon vor guten zwei Stunden eingetreten. Ihr stockte der Atem. ‚‚Das hätte ich nicht gedacht!‘‘, sagte sie überrascht. Max schüttelte fassungslos den Kopf. ‚‚Ich auch nicht.‘‘ Martin hatte schon sein Smartphone am Ohr und bellte ins Telefon: ‚‚Verbinde mich bitte sofort mit dem Oberkommissar. Ich brauche einen Haftbefehl.“ Er sah Jackie und Max an und fragte: ‚‚Jetzt sagt schon: Für wen brauche ich den?“

Welcher Verdächtige ist der Mörder? Alle wichtigen Indizien findest du im Berlin Krimi Rätsel #7. Auf der nächsten Seite findest du die Auflösung!

Kennst du schon den ersten Fall, in dem sich Max und Jackie kennen lernten? Jedes Berlin Krimi Rätsel erzählt ihre Geschichte weiter. Und natürlich gibt es immer einen kniffeligen Mordfall zum selber lösen!