Berlin Krimi Rätsel #6 - Wer hat die schöne Schmuckverkäuferin Samira Saratow ermordet?

Wer hat Samira Saratow getötet? Geschah es aus Leidenschaft, im Affekt oder war der Mord lange geplant? Leite deine eigenen Ermittlungen und löse einen kniffeligen Fall in unserem Berlin Krimi Rätsel #6!

Und so begann alles... Lies unsere Berlin Krimi Rätsel #1, #2, #3, #4 und #5!

Tatort KaDeWe

Die Nachtluft war kühl und feucht. Max schloss die letzte Eingangstür vom KaDeWe ab und atmete auf. Es war sein vorletzter Arbeitstag als Sicherheitsmann im berühmten Luxus-Kaufhaus am Kudamm. Er zählte schon die Stunden, bis er von diesem Job erlöst war. Hier hatte er die eingebildetsten, arrogantesten und hochnäsigsten Menschen getroffen, die er je kennen gelernt hatte. Max sah sein Spiegelbild in der mit Fingerabdrücken übersäten Tür an. Er trug Anzüge nur ungern, aber seit er hier arbeitete, hatte er festgestellt, dass Frauen ihn im Anzug attraktiv fanden.

Max jobbte seit Jahren als Security. Aber damit war jetzt endlich Schluss. In wenigen Tagen würde er mit Jackie ein eigenes Detektivbüro eröffnen. Spontan fischte er sein Smartphone aus der Hosentasche und wählte ihre Nummer. ‚‚Neeeiiiiin. Alter Schwede! Wenn du meinen iMac fallen lässt, dann kann ich nur für eins garantieren: du willst den morgigen Tag nicht erleben!“, schrie es ihn aus dem Hörer an. Er grinste und fragte: ‚‚Wie weit seid ihr mit einrichten?“ Sie schnaubte. ‚‚Alles inkompetente Idioten. Wenn mein iMac steht, kannst du normal mit mir reden. Ohne ihn bin ich nur ein halber Mensch.“

Jackie war ein Computergenie, Hackerin und eine echte Berliner Schnauze. Sie hatte bis vor kurzem als Informatikprofessorin an der Uni gearbeitet und Max hatte hautnah miterlebt, wie unglaublich gut sie war. Er wusste noch nicht genau, wie gut er sie eigentlich fand… Sie ist mir fast schon wichtiger als Clara, dachte er. Max kommentierte ihren Ausbruch trocken: ‚‚Gut. Ciao. Ich mach jetzt dann Feierabend, zieh mich schnell um und pack dann mit an. Bye.“

***

‚‚Mörder“, gellte in diesem Moment ein Schrei durch das Kaufhaus. Eine männliche Stimme dachte Max und rannte los. Der Schrei kam von der gleichen Etage, dem Erdgeschoss. ‚‚Ich war’s nicht!! Oh mein Gott. Ruft den Krankenwagen!“ Das war die Stimme von Alex, seinem Vorgesetzten, dem Chef des Sicherheitsdienstes. ‚‚Treten Sie zurück, Herr Mai. Sie verwischen die Spuren des Täters!“ – Jetzt brach ein hektisches Stimmengewirr los und spitze hysterische Frauenstimmen mischten sich in den Streit ein. Max bog keuchend um die Ecke und sah, was vorgefallen war.

Zwischen den immer noch laut streitenden Männern und Frauen lag auf der Verkaufstheke der Schmuckabteilung ein lebloser Frauenkörper. Sie trug ein elegantes, schwarzes Kostüm und ihr Gesicht lag verdeckt auf dem Tresen. Samira, schoss es ihm durch den Kopf. Samira Saratow war die Chef-Verkäuferin der Schmuckabteilung. Oder eher: sie war es gewesen, denn sie war offensichtlich tot. Immer todschick gekleidet, dachte Max bitter. Er hatte Samira nur flüchtig gekannt und sie war ihm genauso wenig sympathisch gewesen, wie die anderen Verkäufer hier. Aber sie hatte Stil gehabt, das musste er ihr lassen. Kein Wunder, immerhin ist ihr Mann hier der Spezialist für den ganzen Luxusfummel…

‚‚Max! Kannst du übernehmen? Ich kann das nicht.“ Alex stützte sich mit einer Hand am Tresen ab. Er war totenblass. ‚‚Klar! Ruf du die Polizei“, sagte Max. ‚‚Ich bleibe bei der Toten.“ Wie Hyänen auf der Lauer nach einem Opfer reckten die schaulustigen Angestellten flüsternd die Hälse, um ja nichts zu verpassen. Max flüsterte Alex ins Ohr: ‚‚Geh zum Telefonieren nach draußen und nimm dir Zeit, um dich zu fassen.“ Es stand Alex ins Gesicht geschrieben: Der Klatsch über seine Affäre mit Samira stimmte, den Leila und ihr Klüngel aus der Parfüm-Abteilung verbreiteten.

Leila Djawadi stieß gerade zu den Schaulustigen. Sie stöckelte sofort zu Samira und rief: ‚‚Das gibt’s doch nicht! Gar kein Blut. Sie wurde erschlagen! Oder…“ – ‚‚Ruhe!!! Alle zuhören!“, rief Max energisch dazwischen. Er griff Leila unsanft am Arm und schob die widerstrebende Frau zur Seite. ‚‚Wer sich der Toten nähert, macht sich strafbar. Alex Pooth telefoniert bereits mit der Polizei. Keiner darf sich entfernen, bis die Polizei es gestattet.“

Er wandte sich an Herrn Mai, den Kaufhaus-Manager. Was macht der überhaupt jetzt hier im Erdgeschoss? ‚‚Herr Mai, wir müssen sofort im Haus Alarm auslösen und alle Mitarbeiter zusammen rufen. Jeder der sich im Haus befindet, ist verdächtig. Haben Sie die Chefin bereits verständigt?“ Der adrette Manager zog die Augenbrauen hoch und musterte ihn von oben herab. Er sagte mit ruhiger Stimme: ‚‚Ich kümmere mich sofort darum. Herr Pooth stand direkt neben der Toten, als ich sie erblickte. In meinen Augen sah es so aus, als habe er die arme Frau Saratow gerade getötet.“ Sein Augenlid zuckte und er griff zu seinem Smartphone und wählte. ‚‚Frau Regner? Mai hier. Es tut mir Leid, Sie zu stören, aber wir haben hier ein Problem. Ein Großes.“

Der erste, offizielle Fall

Eine Viertelstunde später herrschte im Erdgeschoss des Traditions-Kaufhauses ein wildes Durcheinander. Die Spurensicherung der Polizei hatte die Schmuckabteilung abgesperrt und sammelte Indizien. Max war bisher damit beschäftigt gewesen, die Schaulustigen von der Toten wegzuhalten. Babette aus der Parfüm-Abteilung stand mit ihren Kolleginnen Ella und Rose die ganze Zeit neben ihm und kommentierte unentwegt das Geschehen. Er hatte Kopfschmerzen und war kurz davor, sie rüde anzuschnauzen. ‚‚Das Ganze hier sollte doch der Pooth eigentlich regeln und nicht du, Max. Chef sein, ein fettes Gehalt kassieren und dich die ganze Arbeit machen lassen: den Typ muss man feuern. Raucht eine Kippe nach der anderen und ist so unfähig, wie dumm.“ Max wollte sie anfahren, aber beherrschte sich. ‚‚Ich werde dafür bezahlt das zu tun, was ich gerade tue und Alex macht seinen Job sehr gut“, sagte er kurz angebunden. Babette – für ihre Freunde Babsi – rollte die Augen und murmelte, ‚‚Naiv wie ein Baby. Wenn’s nach dir geht, ist dieser notgeile Sack unschuldig wie ein Lamm. Ich sag‘ dir, der hat das Zeug zum Mörder. Das weiß ich genau!“ 

‚‚Wer schuldig und wer unschuldig ist, werden wir noch sehen!“ – das war Frau Regner, die Direktorin des KaDeWe. Sie warf einen Blick auf die Tote und sah sofort zur Seite. ‚‚Tragisch. Ein solcher Skandal passt überhaupt nicht zu unserem Haus. Ich möchte diese lästige Angelegenheit möglichst schnell aus der Welt haben. Dafür erwarte ich Ihre äußerste Diskretion und loyale Mitarbeit.“ Eiskalt, unmenschlich und denkt immer nur ans Geschäft, dachte Max angewidert. Er konnte mit diesen reichen Menschen nichts anfangen, denen Geld und ihr Image offensichtlich wichtiger waren, als Menschlichkeit.

‚‚Stop!“, bellte Max und sprang nach vorne. Der Mob aus schaulustigen Mitarbeitern riss beinahe das Absperrband durch, so sehr drängte er sich glotzend und murmelnd um die Tote. Max trieb die Meute zu einer Couch-Gruppe und sagte autoritär: ‚‚Niemand darf sich von hier entfernen. Die Polizei holt Sie gleich zur Befragung ab.“ Charlotte Regner beobachtete ihn dabei, wie er die Angestellten nach Abteilungen in Grüppchen einteilte und auf die Sitzgelegenheiten verteilte. Er sorgte dafür, dass Ruhe einkehrte und sah mit einem unguten Gefühl zu Alex Pooth, der abseits stand und in die Luft starrte. Eigentlich war das alles Chefsache. Aber sein Chef hatte ihn darum gebeten, sich um alles zu kümmern, also tat er es.

Direktorin Regner nickte ihm anerkennend zu. ‚‚Sie machen das wohl nicht zum ersten Mal, Herr…? Wie war ihr Name?“ Max witterte plötzlich eine unglaubliche Chance. Er packte sein charmantestes Lächeln aus und ergriff mit festen Händedruck ihre aufwendig manikürte Hand. ‚‚Max Krieger. Ich arbeite vorübergehend für Sie als Sicherheitsmann. Hauptberuflich führe ich mit meiner Partnerin eine aufstrebende Detektei. Wir haben schon 4 – nein 5 Mordfälle gelöst. Vom pikanten Fall Wunderlich haben sie vermutlich schon gehört.“ Charlotte Regners Interesse war geweckt: ‚‚Der durchtriebene Wunderlich! Mein Gott, das ging ja groß durch die Presse. Und Sie waren also einer dieser beiden hochgelobten Detektive, die den Fall gelöst haben? Mein lieber Max – ich darf Sie doch Max nennen, ja? – ich engagiere Sie hiermit auch diese Unannehmlichkeit aufzuklären.“

Max unterdrückte den Impuls, triumphal zu grinsen und dachte: Der erste offizielle Auftrag. Und das vom renommierten KaDeWe! Noch bevor die Detektei überhaupt existiert. Da werden selbst Jackie mal ausnahmsweise die Worte fehlen. Schnell dachte er nach und sagte: ‚‚Vielen Dank für das Vertrauen, dass Sie in uns setzen. Wir werden Sie nicht enttäuschen. Natürlich behandeln wir alles streng vertraulich und es ist mein höchstes Bestreben, Klatsch und schlechte Presse zu verhindern. Sie können sich voll auf mich verlassen. Ich wäre Ihnen allerdings verbunden, wenn Sie es übernehmen, die Polizei von diesem Auftrag zu unterrichten.“

***

Kurz darauf kam Frau Regner mit einem jungen Polizeibeamten auf Max zu, der ihm bekannt war. Kommissar Martin Hansmann hatte schon bei Max‘ und Jackies letztem Fall ermittelt. Martin Hansmann hatte ihn damals damit überrascht, das Detektiv-Duo als gleichwertige Ermittler zu behandeln und hatte ihn und Jackie vor missgünstigen Kollegen in Schutz genommen. Sie nickten sich zu und Martin sagte: ‚‚Ich bin auf dem Laufenden. Du kannst bei den Verhören dabei sein, Max. Fragen stellen oder dich einmischen darfst du allerdings nicht.“ Mit kühler Stimme sagte er zu Frau Regner: ‚‚Wenn sie uns entschuldigen würden, Frau Direktorin, wir müssen an die Arbeit.“ Charlotte Regner sah nur kurz von ihrem Smartphone auf. ‚‚Herr Krieger, unser Manager Herr Mai arbeitet seit 6 Monaten für uns und ist ein organisatorisches Genie. Wenden sie sich für alle Weitere an ihn. Guten Tag.“

Vernehmung: Alex Pooth

Martin klopfte Max freundschaftlich auf die Schulter, als sie sein Büro auf der Polizeiwache betraten. ‚‚Schön, dich im Team im haben. Einige der Mitarbeiter haben wir schon ein erstes Mal vernommen. Das ist der aktuelle Stand der Ermittlungen: Das Opfer Samira Saratow arbeitete seit 4 Jahren im KaDeWe und legte eine steile Karriere hin. Vermutlich hat sie sich dabei Feinde gemacht. Fakt ist, sie wurde erdrosselt. Vermutlich war die Tatwaffe ein Collier mit einem großen Stein. Dieser Stein hinterließ Spuren an ihrem Kehlkopf. Die Kollegen prüfen gerade, ob es sich bei der Tatwaffe um ein Stück aus der Auslage handelt. Die Tote war noch warm, als wir eintrafen und unser Mediziner geht davon aus, der Mord sei unmittelbar nach Ladenschluss geschehen. Security-Chef Alex Pooth gibt an, dass um Punkt 20:05 Uhr alle Türen verschlossen waren. Der Mann hatte einen Schock – was darauf hindeutet, er stand in einer Beziehung zum Opfer.“

‚‚Davon gehe ich auch aus,“ pflichtete Max bei. ‚‚Eine der Verkäuferinnen, Leila Djawadi, verbreitet seit Tagen das Gerücht, dass Alex Pooth und das Opfer eine leidenschaftliche Affäre hätten. Heute Nachmittag gab es einen lautstarken Streit zwischen den beiden, den selbst ich mitbekommen habe. Alex Pooth ist übrigens mein direkter Vorgesetzter hier.“  Martin nickte. ‚‚Dem gehen wir nach. Er sitzt schon im Büro zur Vernehmung.“

***

Max fühlte sich unwohl. Alex war immerhin sein Chef. Der große, breitschultrige Mitvierziger saß ihnen mit herabhängenden Schultern und einem resignierten Gesichtsausdruck gegenüber. ‚‚In welcher Beziehung standen sie zur Toten?“, begann Martin die Vernehmung. Alex Pooths Augen glänzten. ‚‚Wir standen in einer Beziehung“, sagte er leise. ‚‚Ich meine, wir hatten eine Beziehung. Ich habe Samy geliebt. Es fing vor einem knappen halben Jahr an. Erst dachte ich, ich träume. Denn ich hatte schon lange ein Auge auf sie geworfen, aber sie hatte mich immer abgewiesen. Auf einmal war das ganz anders. Wir hatten eine stürmische Affäre und dann wurde daraus etwas Ernstes. Sie wollte ihren Mann für mich verlassen.“

Ihm versagte die Stimme. ‚‚Ihr Mann wusste also nichts von ihrer Affäre?“, fragte Martin mitfühlend. ‚‚Juri doch nicht. Der bekommt gar nichts mit. Er hat Samy wie Dreck behandelt. Sie sagte immer, er würde ihre Kleidung mehr schätzen als sie selbst.“ Nun folgte ein, wie Max fand, ziemlich ödes Frage-Antwort-Spiel zu der Affäre und Alex‘ privaten Verhältnissen. Aber dann wurde es spannend. Der Sicherheitschef hatte Samira kurz nach Ladenschluss abholen wollen. Er fand sie, wie er im ersten Moment glaubte, ohnmächtig am Tresen. Dann sah er ihre leblosen Augen, hörte Schritte und ein klirrendes Geräusch. ‚‚Ich hatte noch gar nicht realisiert, was furchtbares passiert war, da schrie mir Tobias Mai von der Rolltreppe ins Gesicht, ich sei der Mörder.“ Alex Pooth ballte eine Hand zur Faust. ‚‚Absurd!“

Max ergriff das Wort und hakte nach: ‚‚Waren das Schritte, wie wenn einer weg rennt oder normale Schritte? Vielleicht sogar Absatzklappern? Kannst du uns das Geräusch genauer beschreiben?“ Martin sah Max vorwurfsvoll an, sagte aber nichts. ‚‚Ich weiß nicht. Absätze waren das nicht, glaube ich. Gerannt oder eilig gelaufen trifft zu.“ An mehr konnte er sich nicht erinnern.

Vernehmung: Juri Saratow

Als Nächsten befragten Martin und Max den Ehemann. Juri Saratow war ein schlanker, hochgewachsener Mann mit distinguiertem Aussehen. Max kannte ihn flüchtig als leitenden Verkäufer unverschämt teurer Designerkleidung. Saratow wirkte seltsam gefasst, wie Max und Martin beide überrascht bemerkten. Sie wechselten einen kurzen Blick, dann begann Martin das Verhör: ‚‚Wie lief es in Ihrer Ehe?“ – Juri Saratow schaute ihn verbittert an: ‚‚Samira hat mich von vorne bis hinten betrogen. Erst dieser grüne Junge und dann vögelt sie sich hier durch das halbe Haus. Aber gut, Beförderungen kommen eben nicht von alleine.“

Martin fragte unbeirrt: ‚‚Wo waren Sie zur Tatzeit?“ Saratow runzelte die Stirn: ‚‚Sie glauben doch nicht etwa, ich hätte sie ermordet? Ich war oben in meiner Etage und habe die Kasse gemacht.“ Max mischte sich wieder ein: ‚‚Was glauben Sie, warum hätte jemand ihre Frau ermorden wollen?“ Juri Saratow seufzte: ‚‚Ich weiß es nicht. Aber wenn Samira andere Männer nur halb so übel behandelt hat wie mich… Vielleicht hat ihr Lover ja überreagiert?“ Martin fragte: ‚‚Wer war ihr Lover?“ Saratow sah ihn direkt an: ‚‚Ich habe leider keine Ahnung. Erst hat sie es mit unserem Gärtnerjungen getrieben, dann ihrem Gesangslehrer und ich bin mir sicher, dass sie hier im Laden auch ihre Opfer gefunden hat. Mir gegenüber hat sie alles abgestritten. Im Müll habe ich zuhause eines ihrer Höschen gefunden, zerrissen. Ich war das jedenfalls nicht. Samira weist mich schon seit einiger Zeit zurück. Außerdem kam sie oft sehr spät von der Arbeit und roch nach teurem Aftershave. Ich glaube kaum, dass sie sich damit für mich besprüht hat,“ fügte er bitter hinzu.

***

Martin räusperte sich: ‚‚Und Sie haben trotzdem an Ihrer Ehe festgehalten?“ Ein müdes, trauriges Lächeln erschien auf Saratows Lippen. ‚‚Ich liebe sie – trotz allem. Seit wir 16 sind, ist Samira meine große Liebe. Als ich das erste Mal herausgefunden habe, dass sie mir untreu war, hätte ich ihr an die Gurgel gehen können, aber…“ Er stockte. ‚‚Ich meine natürlich nicht wirklich! Samira war eben eine Nymphomanin – das ist eine Krankheit, für die sie nichts kann. So schön wie sie war, konnte sie sowieso jeden haben. Sex ist ja auch nicht alles.“

Jetzt sieht er wirklich traurig aus, dachte Max. Der Mann tat ihm Leid. Außen schönes Mädchen und innen verdorbenes Flittchen. Er selbst hatte da auch eine üble Erfahrung hinter sich und den eisernen Entschluss gefasst, dass die Liebe nichts für ihn war. Er ertappte sich dabei, wie Jackie kurz vor seinem inneren Auge auftauchte, die ihn in den Bauch boxte und zurecht stutzte. Energisch schob er das Bild in seinem Kopf zur Seite und ebenso die Frage, wieso er seit kurzen andauernd an die freche Nervensäge denken musste.

Nach diesem Verhör waren sich Max und Martin einig, dass Herr Saratow noch einmal verhört werden musste. Er hatte sich mehrfach widersprochen – mal liebte er Sammy, mal hasste er sie. Dann war er zur Tatzeit angeblich beim Aufrollen von Seidenkravatten, dann wieder beim Sortieren von Anzügen gewesen. Außerdem hatte er ein klares Motiv: Eifersucht. Oder gekränkte Liebe. Weder Martin noch Max fanden es leicht nachvollziehbar, dass ein Mann eine Ehe glücklich nannte, die nur noch auf dem Papier bestand.

Vernehmung: Babette Bauer

Vom Flur kam ein Kreischen. Dann ein Knall. Ein junger Polizist steckte den Kopf durch die Tür. ‚‚Babette Bauer weigert sich, den Raum ohne Babydoll zu betreten. Soll ich sie zwingen, oder darf der Köter mit ins Zimmer? Martin sagte bestimmt: ‚‚Hunde haben hier nichts verloren.“ Doch es war zu spät. Ein weißer, flauschiger Hund mit großen triefenden Augen und einer pinken Schleife auf dem Kopf erschien in der Tür und knurrte. Babydoll starrte auf Max‘ Tasche, dann sprang der große, plüschige, schneeweiße Königspudel ins Zimmer, riss die Tasche auf und schnappte Max Wurstbrote. Er war nach französischer Art frisiert, trug ein grässliches, blinkendes, pinkes Diamant-Halsband und erinnerte Max vage an Porträts von König Ludwig dem 14.

Babette alias Babsi stöckelte ins Zimmer und schimpfte: ‚‚Böses, Hundi. Böse, Böse, Babydoll!“ Sie griff den Pudel am Halsband und zog das widerstrebende, kläffende Tier zum freien Stuhl. Kaum hatte sie sich gesetzt, riss sich der Hund los und sprang Max auf den Schoß. Martin wollte gerade die Stimme erheben, als Max sagte: ‚‚Schon gut, ich werde mit Babydoll schon fertig.“ Babydoll stank nach Wurstbrot und atmete ihm freudig hechelnd ins Gesicht. Ihre Pfoten hinterließen feuchte Abdrücke auf seinem Anzug. Gerade schnappte sie nach seiner Kravatte und wedelte mit dem Schwanz. Babette lächelte ihn mit ihrem erdbeerroten Kussmund an und sagte: ‚‚Max, der Hundeflüsterer. Wenn meine Babydoll die Wahl hätte, wäre sie dein Baby.“ Sie schlug ihre schlanken Fesseln übereinander, beugte sich vor und sagte verschwörerisch zu Martin: ‚‚Max und meine Babydoll lieben sich einfach.“ Martins Blick glitt kurz zu der nun zerfetzten Krawatte und dem eifrig klopfenden Schwanz des riesigen Pudels.

‚‚Um eines vorweg zu sagen, ich bin ja sowas von betroffen! Was für ein Schock! Die arme Samira!! Und wir waren so gut befreundet. Hat Alex sie ermordet? Hat er es nicht verkraftet, dass sie ihn verlassen hat?!?“ Martin fiel ihr unsanft ins Wort: ‚‚Noch wissen wir nicht, wer Frau Saratow ermordert hat. Von dem Verhältnis mit Herrn Pooth sind wir allerdings unterrichtet. Woher wollen Sie denn wissen, dass es vorbei war?“

‚‚Natürlich von ihr! Es gibt nichts, was wir uns nicht erzählt hätten. Alex war für sie ein Abenteuer, aber er ging ihr doch zunehmend auf die Nerven. Er wurde so furchtbar besitzergreifend, forderte, dass sie ihren Mann verlässt. Letzte Woche hat sie Schluss gemacht. Das hat er nicht akzeptiert. Oder nicht kapiert. Heute Nachmittag hatten die beiden einen schrecklichen Streit und alle Kunden haben es mitbekommen. Eine so schöne Frau wie Samira braucht nun mal die Zuwendung von echten Männern. Sie hat mir erzählt, ihr Ehemann sei impotent. Darum muss sie sich eben anderweitig umschauen, um auf ihre Kosten zu kommen.“ Dabei zwinkerte sie Max vielsagend zu.

‚‚Ihr anderer Geliebter hat sowieso viel besser zu ihr gepasst. Der konnte ihr viel bieten. Die teuersten Restaurants, ein kostspieliges Dior-Kleid und seit gut einem Viertel Jahr den teuersten Schmuck. Samira war das erste Mal wirklich verliebt.“ Martin beugte sich vor und fragte: ‚‚Wie heißt dieser Mann?“ Babette legte den Kopf ein wenig zur Seite. ‚‚Tja, daraus hat sie ein Geheimnis gemacht. Sie stand auf heimliche Stelldicheins, verbotene Momente in der Umkleidekabine… Aber wer das war – leider können wir sie nicht mehr fragen, nicht wahr?“

***

Es klopfte an der Tür und Martin wurde aus dem Zimmer gerufen. Babette lächelte Max verführerisch an. ‚‚Du hast wirklich ein gutes Händchen. Mit Hunden. Und bestimmt auch mit Frauen! Wie heißt deine Frau?“ Max kniff die Lippen zusammen und sagte trocken: ‚‚Ich bin nicht verheiratet. Aber sag mal, mir kannst du doch erzählen, mit wem Samira eine Affäre hatte. War es ein Kollege?“ Babettes Mundwinkel zuckten leicht. – ‚‚Ich weiß es wirklich nicht Max. Ich…“

Die Tür ging auf und Martin kam zurück. Er fragte: ‚‚Frau Bauer, trägt Ihr… trägt Babydoll schon immer dieses Halsband?“ Babette nickte stolz. ‚‚Ich habe es ihr vor 2 Monaten zum Geburtstag gekauft. Von diesen Diamanthalsbändern gibt es nur 5. Die andern 4 liegen in einer Vitrine in der Schmuckabteilung. Das KaDEWe hat mir einen Kundenrabatt gewährt.“ -‚‚Wir müssen es konfiszieren, Frau Bauer. Nach neuesten Erkenntnissen wurde Frau Saratow mit einem ebensolchen Hundehalsband erdrosselt.“ Babette kreischte auf. ‚‚Aber das ist unmöglich! Babydoll war die ganze Zeit bei mir und hat ihr Collier nie abgelegt. Ohne es ist sie doch nur halb so schön.“

Ein Beamter betrat den Raum und ging zielstrebig auf Max zu, der Babydoll am Hinterkopf kraulte. Er zog sich durchsichtige Plastikhandschuhe über. Babydoll knurrte und bellte. Fast 20 Minuten brauchte der Mann, bis er dem störrischen Tier das Halsband abgenommen und Babette Bauer beruhigt hatte.

Endlich waren Max und Martin allein. Max Anzug war fleckig, die Haare zerzaust und er fühlte sich nach der Hundejagd wie nach einem Marathon. Martin hatte rote Flecken im Gesicht und knurrte: ‚‚Was für ein Höllenhund.“ Max grinste und sagte: ‚‚Und seine Herrin erst…“

Vernehmung: Tobias Mai

Tobias Mai war der geschniegelte Kaufhausmanager, auf den Frau Regner so große Stücke hielt. Er trug einen Armani-Anzug, eine Designerbrille und verströmte selbst nach einem langen Arbeitstag noch einen angenehm frischen Duft. Max war müde. Es fiel ihm schwer sich auf die Antworten des Managers zu konzentrieren. Dann fragte Kommissar Hansmann: ‚‚Warum waren Sie eigentlich so schnell bei der Toten im Erdgeschoss? Ihr Büro liegt meines Wissens doch ganz oben?“ Tobias Mai rückte seine Hornbrille zurecht. – ‚‚Ich bin zu Frau Saratow hinuntergegangen, um ein ernstes Wort mit ihr zu reden. Denn heute Nachmittag haben sie und Herr Pooth sich vor Kundschaft lauthals gestitten. So etwas ist völlig untragbar in einem renommierten Kaufhaus wie dem KaDeWe. Doch als ich die Schmuckabteilung betrat, sah ich, dass Pooth sie umgebracht hatte.“

‚‚Können Sie im Detail beschreiben, was sie sahen?“ Mais Augen verengten sich. ‚‚Selbstverständlich kann ich das. Die arme Frau lag ermordet auf dem Verkaufstresen und der Mörder stand über sie gebeugt. Er wollte wohl Spuren verwischen.“ Martin hakte nach: ‚‚Haben Sie gesehen, wie er sie ermordet hat?“ Mai schüttelte den Kopf. ‚‚Aber das brauchte ich auch nicht. Nach dem Streit heute, wundert mich gar nichts mehr. Dieser Mann hat sich nicht unter Kontrolle.“ Er rümpfte die Nase.

‚‚Es ist schon tragisch“, fügte der Manager hinzu. ‚‚Ich hatte Samira… Frau Saratow gerade erst befördert. Ab nächster Woche hätte sie die Etagenleitung übernommen. Nun wird Frau Djawadi diesen Job bekommen.“ Martin und Max horchten auf. ‚‚War die Beförderung Frau Saratows schon den anderen Mitarbeitern bekannt?“ – ‚‚Es war eine hausinterne Ausschreibung und ich habe nur den Bewerberinnen das Ergebnis mitgeteilt. Was diese weitererzählt haben, kann ich natürlich nicht beeinflussen. Wissen Sie, Frau Djawadi hat ihren Unmut viel zu laut kundgetan, wenn sie mich fragen. Ich habe ihr gesagt, Sie wäre von vornherein meine erste Wahl gewesen, wenn Frau Saratow nicht gewesen wäre. Mit ihrem Lächeln hat sie jeden Monat Umsätze gemacht, die ich einfach anerkennen und belohnen musste.“

Vernehmung: Leila Djawadi

Als Leila Djawadi auf rot-weiß-gepunkteten Pumps ins Büro stöckelte, klackerten ihre Absätze laut. An ihren Ohren glitzerten riesige Klunker, sie hatte seidenglatte, schwarze Haare, volle rotgeschminkte Lippen und ausdruckstarke Augen. Schon bald begann sie während der Befragung zu weinen. Sie beschuldigte fast jeden Mitarbeiter des KaDeWe, den Max kannte – und noch einige mehr. ‚‚Beste Freundin? Dass ich nicht lache! Babette hat hinter Samiras Rücken die ganze Zeit nur schlecht über sie gerdet und ihr nichts gegönnt. Sie war vor Neid zerfressen. Es gab auch eine dramatische Liaison mit einem Mann, der sich natürlich sofort von Babette abwendete, als Samira ihm schöne Augen machte. Tja. Jetzt hat Babette vermutlich was sie wollte. Sie wird gerantiert die neue Leitung der Schmuckabteilung bekommen und…“

Martin nutzte eine winzige Atempause in Leila Djawadis unermüdlichem Redefluss und fragte direkt: ‚‚Was ist Ihnen über das Verhältnis Frau Saratows zu Alex Pooth bekannt, Frau Djawadi?“ Leila kicherte bösartig. ‚‚Das Würstchen? Schauen Sie sich den doch mal an. Samira war vermutlich betrunken und verzweifelt, dass sie sich mit dem eingelassen hat. Aber ihre schicken Geschenke hat sie bestimmt nicht von dem. Allein ihre neuen Diamant-Ohrringe aus der Fatucci-Kollektion kosten 4999,- Euro. Und solche Klunker bekam sie nicht nur einmal in den letzten Monaten. Rechnen Sie sich das mal hoch! Die bekam sie sicher nicht von Alex Pooth. Und auch nicht von ihrem Mann. Samira liebte Männer, die ihr etwas bieten können. Sie besuchte die teuersten, angesagten Clubs mit ihren Verehrern. Der Neue war wohl ein Multi!“

Leila kam jetzt in Fahrt. ‚‚Multi ist unser Codewort für einen Multimillionär. Wenn einer bei mir Parfüm kauft, finde ich immer schnell heraus, ob er ein Multi ist.“ Martin unterbrach sie ungeduldig. ‚‚Danke Frau Djawadi, wir haben verstanden. Ist ihnen noch etwas Wichtiges aufgefallen im Zusammenhang mit Frau Saratow?“ Leila sah sich theatralisch um, als würde sie verfolgt und senkte die Stimme: ‚‚Passen Sie auf! Ein Jahrhundertdieb geht im KaDeWe ein und aus.  Ich habe Samira vor 2 Wochen schon gesagt, dass das Olivier-Courbet-Collier nicht mehr so glänzt und die 2 Schwanen-Diamant-Broschen lagen plötzlich ganz anders in der Vitrine, obwohl kein Kunde sie sich den ganzen Tag angesehen hat. Samira war seltsamerweise nicht geschockt oder überrascht – sie hat mich einfach nicht ernst genommen. Sie wirkte seltsam abwesend, das arme ängstliche Vögelchen und schickte mich weg. Aber dann rief sie gleich aufgeregt jemanden übers Haustelefon an, wahrscheinlich ihren Lover.“

***

Max runzelte die Stirn: ‚‚Du arbeitest doch gar nicht in der Schmuckabteilung. Woher weißt du denn, das dieses Schmuckstück sich nicht doch ein Kunde vorlegen ließ?“ Leila sah ihn arrogant an: ‚‚Sowas fällt mir eben auf. Mir entgeht so schnell nichts. Samira hat mich nicht ernst genommen. Leider! Erst vor 3 Tagen habe ich den Jahrhundertdieb in flagranti ertappt. Mit meinen feinen Ohren hörte ich nach Feierabend das Klirren einer Schmuckvitrine…

‚‚Merkwürdig dachte ich mir, denn die Schmuck-Mädels hatten sich von mir gerade erst verabschiedet und ich hatte sie höchstpersönlich das KaDeWe verlassen sehen. Ich war zu weit weg, um den Dieb zu erkennen. Er war dunkel gekleidet und ist weg gerannt, als ich ihn laut aufgefordert habe, stehen zu bleiben. Die Schmuckvitrine stand offen. Es fehlte aber nichts. Das hat das KaDeWe nur mir zu verdanken! Aber unverschämterweise hat mir am nächsten Tag niemand geglaubt und der neue Manager, dieser Schnösel, hat mich auf seine arrogante Art behandelt, als wäre ich nicht ganz dicht. Die arme Samira hat den Dieb wohl überrascht und musste deshalb sterben.“

Kommissar Hansmann runzelte die Stirn. ‚‚Und wie kommen Sie auf die Vermutung, Samira Saratow habe einen ihrer Verehrer angerufen, nachdem Sie ihr gegenüber Ihren Verdacht äußerten?“ – ‚‚Weil sie ihre Stimme senkte und aufpasste, dass keiner ein Wort verstand. Samira liebt es, ein Geheimnis aus ihren Männern zu machen.“ Leila fügte hinzu. ‚‚Mit ihrem Mann redet sie allerdings auch so, als ob er ein geheimer Lover wäre. Ich persönlich glaube, das tut sie nur, um mich zu ärgern.“

***

Nach sechs weiteren Vernehmungen, die Max unendlich schienen, saßen Martin und er immer noch im Polizeibüro und gingen zum x-ten Mal die Protokolle der Verhöre durch. Es war bereits in den frühen Morgenstunden und Max‘ Kopf schmerzte. Da klopfte es wieder an der Tür. Statt dem erhofften Kaffee brachte der Beamte einen Bericht ins Zimmer. Martin überflog die ersten Zeilen, murmelte Max aufgeregt etwas zu und sie verließen den Raum.

***

‚‚Einfach unglaublich!“, rief Jackie und boxte Max in den Bauch. ‚‚Dass du mal einen Fall ohne mich lösen konntest!“ Sie strahlte ihn an. Ist sie stolz auf mich oder bilde ich mir das ein? Sie saßen beim Kaffee in Max‘ Wohnzimmer und der Berliner Herbst ließ ausnahmsweise etwas Sonne in die Wohnung fallen. Jackie fasste zusammen: ‚‚Also waren diese teuren Hundehalsbänder billige Imitate und der meiste Schmuck in den Vitrinen ebenso? Das muss jemand ja gut geplant haben. War Samira denn jetzt in den Diebstahl verwickelt? Ich wette, der Dieb gehörte zum Personal des KaDeWe. So viel Schmuck über einen langen Zeitraum unbemerkt gegen Imitate auszutauschen, kann doch nur ein Interner.“

Max grinste und lehnte sich in seinem Sessel zurück. ‚‚Ich habe dir alle wichtigen Indizien und alle möglichen Verdächtigen genannt. Also, wer war der Mörder?“

Wer hat Samira Saratow ermordet? Was war das Motiv? Auf der nächsten Seite findest du die Lösung vom 6# Berlin Krimi Rätsel! Jeden Monat erscheint bei Abenteuer Freundschaft ein Berlin Krimi Rätsel zum selber lösen mit dem charismatischen Ermittler-Duo Jackie und Max. Und mit jeder Menge unterhaltsamen Charakteren und kniffeligen Morden! Und alles begann mit der schwarzen Spinne im Datennetz