Beim Berlin Krimi Rätsel 4 ist der Große Tiergarten Schauplatz eines Mordes, den die charismatischen Berliner Hobbydetektive Jackie und Max aufklären - doch dieses Mal hat das eine schlimme Konsequenz

Wer war der Mörder? Und was war sein Motiv? Leite deine eigenen Ermittlungen ein und nimm die Spur des Täters auf bei unserem Berlin Krimi Rätsel #4 zum selber lösen!

Und so begann alles... Lies unsere Berlin Krimi Rätsel #1, #2 und #3!

Tatort Tiergarten

Obwohl sich die Bäume schon herbstlich zu verfärben begannen, war es ein warmer Tag. Im Tiergarten waren viele Menschen unterwegs, registrierte Max, als er an ihnen vorbei joggte. Auch im Café am Neuen See saßen viele Menschen an den Bierbänken und genossen den Spätsommer. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung davon, dass nur 200 m weiter, nahe der Löwenbrücke erst vorletzte Nacht ein Mord geschehen war, dachte Max. Er legte einen Sprint ein. Auch die Gedanken in seinem Kopf rasten und er fragte sich: Warum bin ich eigentlich hier? Warum suche ich den Tatort dieses Verbrechens auf? Bin ich langsam von Mord besessen? 

Schon von weitem sah er den Löwenkopf und dachte: Hier muss es passiert sein. Er wurde langsamer. Erst gestern hatte ihm Murat, der nette Umzugshelfer, bei seinem Einzug in die neue Wohnung erzählt, dass sein Chef hier ermordet worden war. Die Medien hatten davon noch nicht berichtet. Nur die Angehörigen und die Firma waren benachrichtigt worden, doch das hielt die Leute natürlich nicht vom reden ab.

Max war angekommen. Wie der Ast einer Trauerweide hingen die Überbleibsel eines schwarz-gelb gestreiften Absperrbands vom Brückenknauf. Direkt im Gebüsch daneben musste es passiert sein: Dieter Wunderlich, Mitte 40, Chef eines mittleren Umzugsunternehmens war hier am Vortag in den frühen Morgenstunden aufgefunden worden. Ein Radfahrer hatte den nackten Fuß des Opfers aus dem Gebüsch hervorlugen sehen. Das zumindest hatte Murat, der redselige Möbelpacker Max erzählt, untermalt vom energischen Ratschen des Teppichmessers, das Murat beim Öffnen von Max‘ Umzugskisten verursachte.

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Marlies, Max‘ dralle Vermieterin und Inhaberin der Kneipe Destille, über die er jetzt einzog, hatte ihm Murat nach seinem gefloppten Date gestern wärmstens empfohlen. ‚‚Du bist ein völlig kalter Fisch, ohne Leidenschaft, Empathie und Mitgefühl“, hatte Sarah ihn beim 5. Date schmallippig abserviert. Dabei hatte er gedacht, es ließe sich gut an und er hätte sich enorm geöffnet und entblößt. Mord ist wohl meine einzige Leidenschaft, dachte Max zynisch. Marlies hatte ihn mit einem Schnaps und dem Tipp für Murat und das Umzugsunternehmen Wunderlich getröstet. Murat, dachte Max. Was genau waren seine Worte gewesen? Er prägte sich die Details an der Löwenbrücke ein, dann schloss er die Augen und versuchte die Mordnacht mit Murats Worten zu rekonstruieren. Der junge Möbelpacker hatte von nichts anderem gesprochen als diesem Mord.

‚‚Mein Chef lag im Gebüsch, direkt neben dem Löwen. Sein Anzug war völlig blutüberströmt. Der Täter hat wie ein irrer Berliner Jack the Ripper mehrmals auf den Wunderlich eingehackt. Aber sowas passiert halt, wenn man sich nachts an solchen verruchten Orten herumtreibt. Wenn ich es nicht besser wüsste, fände ich das reichlich seltsam. Wahrscheinlich war es ein Raubmord. In der BZ ließt man ja dauernd, dass man ohne Waffe nachts in Berlin keinen Park aufsuchen darf, wenn man das Leben liebt.“

Fast schien es Max, als hätte Murat seinem Chef den Tod gegönnt. Erst hatte er gedacht, dass der Job eines Möbelpackers Ausbeutung pur ist und dieser Chef wohl auch eines von diesen Mindestlohn-Arschlöchern gewesen sein musste. Aber dann hatte Max zufällig einen Ausdruck von Trauer über Murats Miene huschen sehen, oder war das Einbildung? Vielleicht war Murat einfach ein Mensch, der sich an Schauertaten ergötzte. Oder die ganze Geschichte beschäftigte ihn doch so sehr, dass er kein anderes Gesprächsthema mehr kannte. Immerhin hatte er das Opfer gekannt.

Eine Begegnung im Gebüsch

Max öffnete seine Augen und starrte auf die Büsche am Seeufer. Was hatte sich hier am Abend abgespielt? Warum war der gut situierte Umzugsunternehmer nachts im dunklen Gebüsch gewesen? Die ganze Sache wollte für ihn nicht zu einem Raubmord passen. Jetzt hätte er Jackies Rat wirklich gut gebrauchen können, doch er hatte sie den ganzen Tag noch nicht erreicht. Max Blase meldete sich. Es schien ihm pietätlos ausgerechnet in das Gebüsch zu pinkeln, in dem der Tote gelegen hatte, darum ging er ein paar Schritte in den Wald.

Als er sich gerade Erleichterung verschaffte, legte sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter. Max zuckte zusammen und seine Reflexe sprangen an. Im Nu hatte er dem Mann den Arm auf den Rücken gedreht und bellte ihn an: Was soll das? Der Mann wimmerte und sah ihn treuherzig an. ‚‚Ich dachte, ich wollte, du und ich, du bist genau mein Typ! Und du hast mir doch die ganzen Signale gegeben. Ich habe mich schon geschmeichelt gefühlt, ein hübscher Typ wie du hat hier doch freie Auswahl.“

Max ließ den Mann los und sah ihn entgeistert an. ‚‚Freie Auswahl wovon?“ Sein Gegenüber rieb sich den Arm und klimperte kokett mit den Wimpern. Er lachte geziert. ‚‚Du nimmst mich auf den Arm, Süßer. Tu doch nicht so unschuldig, das ist echt nicht nötig. Du magst es wohl auf die harte Tour. Meinetwegen, René ist für alles zu haben.“ Max schluckte. Langsam dämmerte ihm, was hier los war. René flötete: ‚‚Darf ich mal fühlen?“ und Max Blick folgte seinen Augen zu seinem Hosenstall. Der stand offen und er wäre vor Scham fast im Boden versunken. Fast panisch riss er den Reißverschluss nach oben und schloss hastig seinen Gürtel.

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‚‚Ich stehe nicht auf Männer. Ob du’s glaubst oder nicht, ich hatte keinen blassen Schimmer, dass das hier so ein Treffpunkt ist. Das waren alles Fehlsignale.“ René schürzte die Lippen und sah enttäuscht aus. ‚‚Schade. Bist echt ’ne Sahneschnitte. Wenn du’s dir anders überlegt – da wärst du nicht der Erste.“ Plötzlich hatte Max einen ungeheuerlichen Verdacht. War Dieter Wunderlich etwa vom anderen Ufer gewesen? Hatte er sich hier mit einem Mann getroffen? Max nutzte die Gelegenheit und fragte René: ‚‚Bist du öfter hier? Nicht falsch verstehen: ich bin wirklich nicht an Sex interessiert, aber hier ist kürzlich ein Mord geschehen. Weißt du etwas darüber?“

René zog erschrocken die Augenbrauen hoch: ‚‚Mord? Geht Jumping Jack etwa wieder um? Hat dieser kranke Homo-Hasser wieder einen von uns abgeschlachtet?! Gott sei dank hab‘ ich immer das hier bei mir um mich notfalls zu verteidigen.‘‘ Er wies auf eine Art Jagdmesser, dass er an seinem nietenbesetzten Gürtel trug, an dem auch noch eine Handy- und eine Kameratasche baumelten, wie Max amüsiert bemerkte.

Mit einer femininen Bewegung strich sich René grazil seinen gesträhnten Pony zurück, legte die Hand über die Augen und seufzte theatralisch. ‚‚Und ich dachte, Jumping Jack wäre nur eine Legende!“

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Max unterdrückte ein leises Grinsen und fragte möglichst neutral: ‚‚Von so einem Killer habe ich noch nie gehört. Bisher war auch noch nichts in den Medien. Ich weiß aber von einem Bekannten, dass das Opfer der Umzugsunternehmer Wunderlich war.“ Bei diesem Namen kreischte René hysterisch auf und fächelte sich mit beiden Händen Luft zu. ‚‚Didi??? Ähhh… Dieter Wunderlich… Oh Gott! Es war doch hoffentlich kein Selbstmord?“

Max runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass der divenhafte Mann plötzlich seinem Blick auswich und nervös an seinen lackierten Fingernägeln pulte. ‚‚Warum Selbstmord? Wie kommst du auf die Idee? Weißt du etwa mehr?“

‚‚Ich??? Ich weiß gar nichts. Ich kannte den Didi nur vom Sehen, schreckliche Sache. Ganz schrecklich! Ich muss jetzt aber auch los. War nett mit dir. Tschüßi Süßer!“ Mit diesen Worten hastete der schwule Mittdreißiger tänzelnden Schrittes davon. Max rief ihm hinterher: War Didi vielleicht öfter hier? Sendete er dir Signale?“ Doch der exaltierte René war schon verschwunden.

19 verpasste Anrufe

Jackie ließ ihren Blick über den vollen Informatik-Hörsaal schweifen. Ihre Studenten verschanzten sich hinter ihren Laptops und Tablets und hackten Befehle in die Tastatur. Sie brauchten schon ewig, um die Aufgabe am Ende ihres Vortrags über Überwachung im digitalen Zeitalter zu lösen. In ihrer Handtasche summte schon wieder ihr Smartphone. Sie warf einen ungeduldigen Blick auf ihre Armbanduhr, bückte sich und fischte mit ihren Fingern nach dem Telefon. Auf dem Display stand: 19 verpasste Anrufe von Max. 19! dachte Jackie und war plötzlich hellwach.

Er hatte keine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Wenn der telefonscheue Kerl mich innerhalb von 5 Stunden so oft anruft, wie im ganzen Monat zusammen, ist was passiert, dachte Jackie aufgeregt. Max rief sie normalerweise aus genau 2 Gründen an: Wenn er ihre Hilfe bei einem Mordfall brauchte und wenn er dachte, sie wäre sauer, weil er sich diese Woche noch nicht gemeldet hatte. Ungläubig hatte sie zufällig festgestellt, dass Max sich tatsächlich durch eine automatische Erinnerungs-Mail alle 2 Wochen daran erinnerte, sie anzurufen.

Jackie hatte Max bei der Klärung des Mordfalls an einem ihrer Studenten kennen gelernt. Damals arbeitete er noch für einen Sicherheitsdienst. Inzwischen waren Mordermittlungen fast so etwas wie ihr Hobby. Und sie waren Freunde – zumindest war das ihre Meinung bis zu der Mail-Entdeckung gewesen. Sie war sich sicher, dass nur ein neuer Fall ihn dazu brachte 19 Mal bei ihr anzurufen.

***

Die Erinnerungsmail geht ja erst morgen raus, dachte sie zynisch. Eigentlich hatte sie die treulose Tomate schmoren lassen wollen und vorgehabt sich auch mal wochenlang nicht zu melden. Aber 19 Anrufe in nur 5 Stunden! Sie hielt es vor Spannung nicht mehr aus. Jackie hob die Stimme: ‚‚Eure Lösungen will ich bis morgen in meinem Posteingang haben. Für heute machen wir Schluss! Danke fürs Zuhören.“ Sie klappte ihren Laptop zu und hörte Julius in der ersten Reihe grinsend flüstern: ‚‚Jackie hat endlich einen Lover mit blauen Augen und Sixpack geknackt, der nicht digital ist und voller Nullen und Einsen steckt. Max ist echt cool. So ’ne durchtrainierte Kung-Fu-Type mit geilem Humor. Das war echt bitter nötig, nach ihrem letzten Volldeppen.“ Jackie schnaubte und rollte die Augen: Männer! Denken immer, ohne sie geht Frau etwas ab. Für ihre Studenten war ihr desaströses Liebesleben Gesprächsthema Nummer 1. Auch wenn es – wie gerade – nicht vorhanden war.

Von ihrem Büro aus rief sie Max zurück. ‚‚Hallo Jackie“, sagte er, ‚‚ich stecke schon mitten in den Ermittlungen. War ja höchste Zeit, dass du anrufst!“ Jackie war gleich auf 180. Nur Max schaffte es, sie in 5 Sekunden auf die Palme zu bringen. ‚‚ Was für Ermittlungen? Es wird dich überraschen, aber manche Menschen haben einen richtigen Job!“

‚‚Jetzt komm mal runter“, meinte Max und Jackie glaubte aus seiner Stimmer herauszuhören, dass der unverschämte Kerl dabei grinste. ‚‚Ich bin im Tiergarten am Schauplatz eines Mordes. Interessiert?“ Jackie schnaufte: ‚‚Logo! Ich hab dich nur zurück gerufen, weil ich auf einen spannenden Mordfall gewartet habe. Klar! Idiot.“ Aber dann setzte sie hinzu: ‚‚Wer wurde denn ermordet und woher weißt du schon wieder etwas davon und ich nicht?“ Max sagte: ‚‚Also dafür muss ich etwas ausholen. Das Ganze fing mit Murat in meiner neuen Wohnung an und führte letztlich zu einer höchst bizarren Begegnung mit heruntergelassenen Hosen.“ Jackies Interesse war geweckt. ‚‚Wenn du mir nicht sofort von deinen Abenteuern erzählst, platzte ich vor Neugier.“

Laufende Ermittlungen

Nachdem Max Jackie alles erzählt hatte, machte sie sich sofort auf den Weg zum Tiergarten. Max suchte sich einen ruhigen Platz nahe am Tatort und vertrieb sich die Zeit mit Freeletics. 200 Sit-Ups und Sprünge und 250 Liegestützen brauchte es, bis alle seine Muskeln brannten und er keuchte. Seit einem Jahr stählte er seinen Körper beinahe täglich mit diesem intensiven Workout. Er zog sich sein Tshirt aus, rieb sich damit den Schweiß vom Gesicht und ließ sich schwer atmend auf den Boden fallen. Dann griff er nach dem Telefon und rief seine alte Schulfreundin Clara an. Die Sekretärin im Kommissariat war ihre Quelle für wichtige Insiderinformationen und Untersuchungsergebnisse der Polizei. Sie hob schon beim 2. Klingeln ab und begrüßte ihn ironisch: ‚‚Hi, Max. Du willst mich sicher endlich als Dank für meine Hilfe bei euren letzten 3 Mordfällen zum Essen ausführen. Moment. Das geschieht ja nur in meinen Träumen von einem netten, dankbaren und aufmerksamen Max…“

Max lachte. ‚‚Erwischt. Da wäre ein klitzekleiner Gefallen, wegen dem ich eigentlich anrufe…“ Clara stöhnte: ‚‚Das war mir schon klar. Du rufst bestimmt wegen einem neuen Fall an. Darf ich dich daran erinnern, dass ich bei der Polizei arbeite, nicht du, du Hobbydetektiv?“

‚‚Klar, deswegen bist du ja so wichtig für mich als Informantin.“ In diesem Moment boxte Jackies Faust ihn in die Seite. Er hatte sie gar nicht kommen hören. Sie riss ihm energisch das Smartphone aus der Hand, drückte auf Lautsprecher und sagte: ‚‚Liebe Clara, bitte verhafte diesen unverschämten Rüpel endlich mal wegen Undankbarkeit und mangelndem Feingefühl und kerkere ihn für mindestens ein Jahrhundert ein! Und zwar weit weg von viel zu netten Menschen wie uns, die sich das gefallen lassen.“ Clara lachte laut: ‚‚Hey Jackie! Schön dich zu hören. Der Max ist halt so, ich kenn‘ ihn ja und weiß schon wie er’s meint.“ Jackie schnaubte nur und warf Max, der süffisant grinste, einen tödlichen Blick zu. Trotzdem bemerkte er amüsiert, dass sie seinen Sixpack anstarrte und schluckte.

***

‚‚Gut, genug über mich geredet. Können wir jetzt wieder zum Mord an Dieter Wunderlich kommen?“, fragte Max. Am anderen Ende der Leitung war ein kurzes Rascheln zu hören, dann flüsterte Clara. ‚‚Ich muss aufpassen, sonst schöpft Kommissar Kern noch Verdacht, dass ich der ‚‚Maulwurf“ bin, der euch mit Infos füttert. Also in Kürze die Fakten: ‚‚Dieter Wunderlich, 44 Jahre alt, verheiratet seit 20 Jahren, keine Kinder, aber ein großes Vermögen aus dem von ihm geerbten Umzugsunternehmen. Er wurde vorgestern früh gegen 6:45 Uhr von einem Jogger entdeckt. Seine Leiche lag hinter einem Busch bei der Löwenbrücke und nur seine Hand schaute hervor. Er trug einen blauen Nadelstreifenanzug und dazu teure weiße Mokassins. Keinen Geschmack gehabt der Mann, wenn du mich fragst.‘‘

Clara holte Luft. ‚‚Seine Ehefrau war übrigens ziemlich aufgelöst, als Kern sie vernommen hat. Sie hat zu Protokoll gegeben, dass ihr Mann eine Aktentasche dabei hatte, als er am Vorabend das Haus verließ. Angeblich war er auf dem Weg zu einem Geschäftsessen. Die Aktentasche ist verschwunden und die Ehefrau scheint fest davon überzeugt, dass es ein Raubmord war. Das hat sie laut Vernehmungsprotokoll immer wieder gesagt. Vielleicht war der Gedanke einfach zu schrecklich für sie, dass jemand es gezielt auf ihren Mann abgesehen haben könnte. Sie war ziemlich durch den Wind und sah so aus, als hätte sie überhaupt nicht geschlafen. Dabei haben meine Kollegen ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes erst gegen 8:00 Uhr überbracht.‘‘ Wieder machte Clara eine Pause und im Hintergrund war Kommissar Kerns brummender Bass zu hören.

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Schließlich flüsterte Clara: ‚‚Hab mich auf dem Klo verschanzt, Kern tobt hier mal wieder rum. Wie auch immer: für einen Raubmord spricht einerseits das Verschwinden der Aktentasche. Die Auswertung seiner Bankkonten zeigt, dass Dieter Wunderlich in der Nacht seiner Ermordung um 23:13 Uhr noch einen Betrag von € 2.000 abgehoben hat! Dagegen spricht aber auf der anderen Seite, dass dem Toten die Stichwunden von vorne in die Brust und aus nächster Nähe beigebracht wurden. Das kann darauf hinweisen, dass das Opfer den Täter kannte. Nun ja, der pathologische Befund ist noch nicht vollständig. Kern dagegen hat schon wieder seine eigene krude Theorie gesponnen, irgendwas mit einem Jack the Ripper, der es auf Schwule abgesehen hat oder so ähnlich.“ ‚‚Jumping Jack?“, unterbrach sie Max. Jackie sah ihn verblüfft an.

‚‚Ja! Genau so wird der genannt! Hätte nicht gedacht, dass du dich mit Stories aus der Klatschpresse auskennst‘‘. ‚‚Vor ein paar Monaten erschien in einem stadtbekannten Klatschblatt ein ziemlich reißerischer Artikel, der die krude Theorie aufstellte, dass mehrere unaufgeklärte Morde an Homosexuellen in den letzten 10 Jahren von ein und demselben Serienkiller begangen wurden. Wenn ihr mich fragt: höchstwahrscheinlich totaler Quatsch! Aber ihr wisst ja, wie mein Chef ist. Kommissar Kern liebt solche Theorien, vor allem wenn es mit irgendwas Perversem zu tun hat. Haltet euch fest: Zur Belustigung des kompletten Morddezernats hat er sich eine Fetisch-Lederkluft und ein Netzhemd ins Büro liefern lassen. Er sagt, er will die Sache persönlich in die Hand nehmen und inkognito im Milieu ermitteln.“ Jackie und Max prusteten vor lachen.

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‚‚Wartet mal kurz“, flüsterte Clara aufgeregt, „die haben gerade jemand verhaftet. Bei dem Verdächtigen hat man die Aktentasche des Toten gefunden. Ich kann gerade nicht mehr telefonieren. Ich schreibe euch gleich bei Whatsapp.“ Jackie und Max sahen sich verdattert an. ‚‚Verhaftet? Tasche gefunden“, wunderte sich Jackie, ‚‚Hat unser fetter Freund Kern etwa einmal in seinem Leben erfolgreiche Polizeiarbeit geleistet??“ Max kommentierte gedankenversunken: ‚‚Die größte Frage ist doch: welche Rolle spielte bei diesem Erfolg sein neues Lederkostüm und das Netzhemd?“ Bevor die beiden diesen schrecklichen Gedanken zu Ende denken konnten, summte Max Handy hektisch im Halbsekundentakt. Clara schrieb sich offensichtlich gerade die Finger wund.

Max riss das Handy an sich und blickte gebannt darauf. ‚‚Neeeeeeein!“ entfuhr es ihm vor Erstaunen. Jackie sah ihn fragen an. ‚‚Der Aktenkoffer wurde von einem Junkie und Stricher, bekannt unter dem Namen Ferdi vom Zoo geklaut. Allerdings behauptet der, dass Dieter Wunderlich da schon am Boden lag und er nicht erkannt habe, dass er tot ist, sondern ihn für einen anderen Junkie gehalten habe. Bis kurz nach 3:00 Uhr hat dieser Ferdi jedenfalls ein Alibi, denn bis zu diesem Zeitpunkt hat ihn die Bundespolizei am Bahnhof Zoo festgehalten. Die haben ihn da aufgegriffen, als er anschaffen wollte. Noch ist allerdings nicht raus, wann der Mord genau passiert ist.‘‘

Max Stimme überschlug sich fast vor Aufregung: ‚‚Aber das Interessanteste kommt erst noch: der Inhalt der Aktentasche! Von den € 2.000, die Wunderlich abgehoben hat: keine Spur! Dafür ein roter Briefumschlag mit höchst delikaten Fotos, die Dieter Wunderlich mit verschiedenen Männern beim Sex zeigen. Clara fotografiert die gleich ab und schickt sie mir. Was die nicht alles für uns tut, oder?“

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Jackie sah ihn lange an und sagte dann: ‚‚Tja. Denk mal drüber nach, was sie damit riskiert. Wenn das jemals rauskommt, ist Clara nicht nur ihren Job los, sondern hat auch einen üblen Prozess am Hals. Glaub mir, dafür sind unsere Hobby-Ermittlungen wirklich nicht wichtig genug. Clara ist doch unsere Freundin.“ Max schluckte: ‚‚Du hast recht, ich schreibe ihr, sie soll die Fotos nicht schicken.“ Er tippte und murmelte dabei ‚‚OK, eine Einladung zum Sternedinner ist überfällig.“

‚‚Ach Gottchen, das ist aber süß! Jetzt lädst du mich doch noch zum Date ein? Bei so viel Romantik schmelze ich glatt wie Butter“, flötete eine bekannte Stimme hinter Max. Max erkannte René und wollte schon abwehren, da sah er, wie Jackie ihn sprachlos mit einem Ausdruck solcher Verblüffung anstarrte, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte, das auszukosten. Er lächelte René an und sagte betont freundlich: ‚‚Hi, René!“, beugte sich vor und umarmte den Mann innig. Jackies Augen wurden tellergroß. Max umarmte weder sie noch Clara von sich aus zur Begrüßung!

René verschlang Max mit gierigen Blicken und Jackie war vollkommen sprachlos – das passierte ihr eigentlich nie. Sie konnte nicht anders, sie musste den Paradiesvogel ununterbrochen anstarren. Er war unbestritten ein hübscher, junger Mann mit kunstvoll frisierten, blond gesträhnten Haaren. Sein jungenhaftes Gesicht mit vollen Lippen und ausdrucksstarken Augen machte bestimmt viele große, starke Männer schwach, dachte sie und schluckte. Deswegen sitzt Max hier oben ohne herum und präsentiert seinen Adoniskörper. Dann kniff sie die Augen zusammen. Renés Wimpern waren getuscht, seine schmalen Augenbrauen mit einem Stift nachgezeichnet. Er hatte einen funkelnden Brilli im Ohr. Max Augen funkelten sie spöttisch an.

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‚‚Sie sind also der Mann, der das Mordopfer kannte und Max am Tatort traf“. René schürzte die Lippen und stützte eine Hand in die Hüfte: ‚‚Also Püppchen, direkt am Tatort war das nicht. Schon etwas tiefer im Gebüsch“. Max warf hastig ein: ‚‚Das spielt doch keine Rolle.“ Jackie fragte René direkt: ‚‚Und wie war er so? Uns Frauen behandelt er nicht besonders zuvorkommend.“ René nickte und murmelte: ‚‚Er ist ein ganz schön harter Kerl. Mir tut mein Arm immer noch weh.“ Jackie fiel der Unterkiefer nach unten und Max bereute seine Umarmung und fragte sich, wie er aus der Nummer jemals wieder heraus kommen sollte.

Stattdessen lenkte er das Gespräch wieder auf Dieter Wunderlich. ‚‚Sag mal René, Jackie und ich ermitteln hier verdeckt in der Mordsache. Du hast den Toten doch Didi genannt, ihr kanntet euch also schon ein bisschen?“ René wirkte verlegen: ‚‚Naja, was heißt schon kennen. Wie haben uns halt hier mal getroffen. Fast so wie wir beide.“ Er zwinkerte Max zu. Jackie hakte nach: ‚‚Wir haben erfahren, dass Herrn Wunderlich, also deinem ‚‚Didi“ eine Aktentasche geklaut wurde. Weißt du vielleicht, was sich darin befunden haben könnte?“

René erbleichte. ‚‚Was?? Aktentasche?? Ich?? Keine Ahnung!!! Wir haben uns nicht viel unterhalten, wenn Sie verstehen. Oh Gott, mir tut jetzt alles so Leid. Ich meine, was mit ihm passiert ist natürlich.“ Wieder legte er das nervöse Verhalten an den Tag, das Max schon bei ihrer ersten Begegnung bemerkt hatte. Sie verabschiedeten sich, wobei Max diesmal eilig René die Hand schüttelte, damit dieser nicht auf die Idee kommen konnte, ihn nochmal zu umarmen.

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Jackie nahm Max in ihrem Auto mit zu seiner neuen Wohnung. Während der ganzen Fahrt war sie auffällig still, bis es aus ihr herausplatzte: ‚‚Warum hast du mir nie erzählt, dass du auf Männer stehst? Und nicht mal Clara weiß davon. Das ist doch nichts, wofür man sich schämen muss. Und überhaupt: du lebst im 21. Jahrhundert in Berlin!“ In Max Kopf schwirrten die Gedanken: Wie konnte er Jackie glaubwürdig die ganze Sache erklären? ‚‚Ich bin nicht schwul. Das ist alles ein Missverständnis…“ setzte er an zu erklären.

Doch just in diesem Moment vibrierte sein Handy. Als er aufs Display schaute entfuhr ihm ein Ausruf völliger Fassunglosigkeit. ‚‚Das gibt’s doch nicht!!! Clara hat die Bilder aus der Aktentasche doch geschickt!! Und jetzt rate mal, wer da drauf ist? Fahr mal hier an den Straßenrand.“

Sie waren sowieso schon beinah bei der Destille und Max‘ neuer Wohnung. Also parkte Jackie und Max zeigte ihr ein Bild mit dem Kommentar: ‚‚Hier haben wir René und Didi in einer Art menschlicher Bretzel verknotet. Das die beiden etwas miteinander hatten, wissen wir ja seit eben. Aber das nächste Bild ist viel interessanter.“ Jackie sah ein prekäres Bild von Dieter Wunderlich mit einem gut gebauten, südländisch aussehenden Mann. ‚‚Wieso? Wer ist das?“ Max ließ die Katze aus dem Sack: ‚‚Na, Murat! Mein Umzugshelfer! Der, von dem ich überhaupt erst von der ganzen Sache erfahren habe. Der hatte ganz offensichtlich eine Affäre mit seinem Chef. Und jetzt rate mal, wer gerade da oben in meiner Wohnung sitzt und Kisten ausräumt!“

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Murat sah die beiden mit großen Augen an. ‚‚Woher wisst ihr das? Wer hat euch das von Didi und mir erzählt? Ihr dürft das niemandem erzählen. Meine Familie, meine Kumpels – niemand darf das wissen!“ Äußerlich war der muskulöse Möbelpacker das genaue Gegenteil des femininen und exaltierten René. Bei Murat ahnte bestimmt kaum jemand, dass er auf Männer stand, dachte Max und war irgendwie beruhigt, dass Klischees eben nicht immer zu trafen.

Jackie und Max schworen, dass sie niemand von der Affäre oder seinem Schwulsein erzählen würden. Solange er nicht der Mörder von Dieter Wunderlich ist, halten wir uns daran, dachte Jackie. Murat erzählte ihnen alles. Seit etwa einem Jahr hatten sein Chef und er eine Affäre gehabt. Allerdings hatte es seit kurzem zwischen den beiden gekriselt, weil Murat ihn verdächtigte auch mit anderen Männern zu schlafen.

Der Mord in der Cruising-Gegend im Tiergarten war nun eine grausame Bestätigung dieses Verdachts. ‚‚Das hier hatte ich noch von ihm. Der Polizei traue ich eh nicht über den Weg. Marlies aber schon. Und sie vertraut euch und meinte, ihr wärt zwei echte Spürnasen. Vielleicht hilft es den Mord an Didi aufzuklären.“ Mit diesen Worten holte er aus seiner Hosentasche ein herzförmiges Amulett. Er sagte leise: ‚‚Ich habe ihn geliebt. Trotz allem. Aber er war einfach unersättlich.“ Max sagte: ‚‚Lass jetzt mal sein mit dem Auspacken, Murat. Ich glaube, du brauchst jetzt mal Zeit für dich, also mach Feierabend und erledige den Rest morgen.‘‘ Als der junge Möbelpacker sich dankend verabschiedete und die Wohnung verließ, sah Jackie noch, wie ihm eine Träne die Wange herunterrollte.

Große Kunst

Auf der Rückseite des Amuletts fanden sie eine fein ziselierte Gravur: D&D W. – Für Delfine. ‚‚Er hat Murat tatsächlich ein Medaillon geschenkt, das mal für jemand anders graviert wurde.“ Sie überlegte laut: „‚Vielleicht Second Hand erworben? Oder….“ Auch Max dachte nach: ‚‚Delfine, Delfine, Moment, bei dem Namen klingelt was bei mir. Delfine Wunderlich, klar das ist eine moderne Bildhauerin! Ziemlich tolle Skulpturen macht die!“ Jackie fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen: ‚‚Moment mal, sagtest du gerade: Delfine Wunderlich? War das vielleicht die Frau des Toten? Hat er am Ende ein Amulett, was er mal für seiner Frau gekauft hat, an Murat weiterverschenkt?? Was für ein Schwein!“ 

Im Internet fanden sie schnell heraus, dass Delfine Wunderlich tatsächlich die Witwe des Umzugsunternehmers war. Und mit Hilfe von Jackies Hackerkünsten hatten sie auch im Nu ihre Adresse herausbekommen. Jackie sagte: ‚‚Die arme Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm es sein muss, so übel betrogen zu werden. Lass uns ihr zumindest die Kette zurückbringen, die ist immerhin aus echtem Gold.“ Max nickte und meinte: ‚‚Und was sagen wir, wo wir die Kette her haben?“ – ‚‚Hm, notfalls behaupten wir einfach, wir haben sie im Tiergarten gefunden und du bist ja ein Fan ihrer Kunst und weißt wer sie ist.“

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Im Vorgarten der stattlichen Villa Wunderlich in Berlin-Weißensee standen riesige Metallskulpturen. Jackie fragte sich, wer solche merkwürdigen Riesendinger in seinem Garten aufstellte und verfolgte fasziniert, wie Max ungewohnt leidenschaftlich von Frau Wunderlichs ‚‚Meisterwerken‘‘ schwärmte. Jackie war überhaupt nicht kunstbegeistert, aber seine Kenntnis und Begeisterung faszinierten und beeindruckten sie irgendwie.

Delfine Wunderlich öffnete erst beim 5. Klingeln. Ihre Augen waren verschwollen und verweint mit dunklen Ringen darunter. ‚‚Ich gebe zur Zeit keine Interviews. Vielen Dank und auf Wiedersehen,“ sagte sie traurig und wollte die Tür schon wieder schließen. Doch Max sah sie ernst und teilnahmsvoll an und sagte: ‚‚Bitte, verehrte Frau Wunderlich, wir möchten Ihnen nur etwas vorbei bringen und unser tief empfundenes Beileid aussprechen.“ Jackie streckte der Frau ihre Hand mit der filigranen Kette entgegen und sagte: ‚‚Wir glauben, diese kette gehört Ihnen. Delfines Augen weiteten sich: ‚‚Wo haben sie diese Kette gefunden? Ich vermisse sie schon seit fast einem Jahr! Ist sie… Hat er sie…?“ Sie nahm die Kette und ihre Lippen begannen zu zittern. Plötzlich wurde sie totenblass und dann fiel sie um.

***

Max trug Frau Wunderlich in die Wohnung und legte die ohnmächtige Frau behutsam auf die Couch im Wohnzimmer. Der schöne große Raum war dank großer Fenster lichtdurchflutet und geschmackvoll eingerichtet. Auf dem Wohnzimmertisch lagen ein paar verstreute Skizzen der Künstlerin, Bleistifte, Kontoauszüge, ein zerknülltes von Hand beschriebenes Blatt Papier und ein offener roter Briefumschlag. Max ganze Aufmerksamkeit wurde allerdings von einer unglaublichen Skulptur eines in fließenden Formen ineinander verschlungenen Liebespaares beansprucht. ‚‚Die Elegie in Kupfer 2! Die kannte ich bisher nur von Fotografien. Der Inbegriff von Schönheit und Gefühl!“, sagte er ergriffen. ‚‚Danke“, hörte er Delfines schwache Stimme von der Couch. Sie war also wieder zu Sinnen gekommen. ‚‚Hätte mir mein Mann nur einmal solche Wertschätzung entgegen gebracht… überhaupt mal an meine Gefühle gedacht…‘‘

Jackie war währenddessen in der Küche, holte ein Glas Wasser und suchte nach der Hausapotheke. Sie rief: ‚‚Ich bringe Ihnen gleich ein Glas Wasser, dann fühlen sie sich besser!“ In einem kleinen weißen Schränkchen fand sie eine noch eingeschweißte Packung Tabletten zur Stärkung des Kreislaufs. Sie ging zur Küchenanrichte, nahm ein Messer aus dem Messerblock, schnitt die Packung auf und ging mit Tabletten und Wasser zurück ins Wohnzimmer.

***

Max und Delfine waren gerade in ein Gespräch in die Werke der Bildhauerin vertieft. Er war überraschend feinfühlig und zeigte seine seltene charmante Seite. Delfine war jetzt nicht mehr ganz so blass. Offensichtlich tat es ihr gut, über ihre Kunst zu sprechen und lenkte sie kurzzeitig von dem Mord an ihrem Mann ab. Jackie gab ihr das Glas Wasser und die Tabletten und versuchte in das Gespräch einzusteigen. ‚‚Gehen Sie eigentlich ins Fitnessstudio, um Muckies zum Hämmern von diesen großen Kunst… dingern aufzubauen?“ Max und Delphine korrigierten sie unisono: ‚‚Skulpturen!“

Die Künstlerin zeigte beinahe ein Lächeln und meinte: ‚‚Meine Skulpturen sind hohl und ich hämmere sie nicht, sondern bearbeite Stahl und andere Metalle mit einem Schweißgerät. Dazu brauche ich allerdings auch ganz schön Kraft.“ In diesem Moment klingelte Max Smartphone, er lächelte entschuldigend und zog sich zum Telefonieren in die Küche zurück. Delfine fragte tapfer lächelnd: ‚‚Verraten sie mir jetzt, wo sie mein Medaillon her haben? Und bitte seien sie ehrlich. Nach den ganzen Hiobsbotschaften der letzten Tage kann ich keine Lügen mehr ertragen – auch wenn die Wahrheit manchmal ins Herz sticht.“

***

‚‚Also…“ fing Jackie zaghaft an und überlegte mit Unbehagen, ob sie der netten Frau wirklich die ganze Wahrheit sagen sollte, doch da stürmte Max ins Zimmer und rief ihr zu: ‚‚Jackie! Wir müssen sofort los. Ein Notfall. Clara braucht uns sofort! Wir treffen uns mit ihr jetzt in der Destille. Irgendetwas Schlimmes ist ihr passiert. Sie war ganz komisch am Telefon und hat die ganze Zeit hysterisch gelacht und irgendwas von Maulwürfen gefaselt. So habe ich sie noch nie erlebt!“

Er wandte sich zu Delfine, die immer noch auf der Couch lag, kniete neben ihr nieder und küsste ihr in eleganter Gentleman-Manier die Hand. ‚‚Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Wir müssen Sie leider sofort verlassen, da eine gute Freundin in großen Schwierigkeiten steckt. Es war mir wirklich eine große Ehre, mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie haben mit ihrer Kunst mein Leben verändert.“

Jackie machte große Augen. Sie kam bei den ganzen neuen Seiten nicht mehr hinterher, die Max heute wie aus dem Nichts zeigte. Sie war sich noch immer nicht sicher, ob er nun schwul war oder nicht. Und diese untypischen Gefühlsoffenbarungen und der Charme, den er gegenüber Delfine Wunderlich versprühte, ließen sie zum ersten Mal vermuten, dass sein sonst so kühles Verhalten Frauen gegenüber ein emotionaler Schutzwall war, den er sich aus irgendeinem Grund aufgebaut hatte.

Der Maulwurf

Clara saß schon in der Destille. Die hübsche schwarzhaarige Frau mit den Mandelaugen lehnte bei der Wirtin Marlies am Tresen und ließ sich gerade den 7. Obstler einschenken. ‚‚Ach Kindchen“, sagte Marlies und sah sie mitfühlend an: ‚‚Dit wird schon. Sieh’s mal von der juuten Seite. Tiefer kannste jetzt nich mehr fallen. Die Destille, dit is’n Hafen für dich“. Clara kicherte hysterisch und rief beschwipst einer Gruppe Mitvierziger mit Bierbäuchen am Stammtisch zu: ‚‚Ich geb einen aus! Trinkspruch Grabowski! Auf alle Maulwürfe und Häfen dieser Welt! Und auf Marlies, die immer weiß, wie sie einen zum lachen bringt.“

Dann sah sie Max und Jackie an der Tür stehen. ‚‚Max, Jackie!!!“, jauchzte Clara lallend. ‚‚Marlies bring einen Steig mit 20 Schnäpsen!‘‘ Max schluckte und flüsterte Jackie zu: ‚‚Ohje. Die Phase kenne ich von früher. Das verheißt nichts Gutes.“ Da kam Clara auf einem Stiletto angetaumelt und hickste mit glasigen Augen: ‚‚Ich bin sie endlich alle los. Es lebe Grabowski der Maulwurf!“ Sie brüllte: ‚‚Marlies! Hol Grabowski vom Schnapsregal!“

Die dralle Wirtin holte ein riesiges Maulwurfsplüschtier des bekannten Kinderserien-Maulwurfs, der hinter ihr zwischen den beleuchteten Schnapsflaschen saß und hob es unschlüssig hoch. Clara schrie: ‚‚Freiheit!!! Clara, der Maulwurf, wurde gefeuert und landet jetzt vermutlich im Knast. Prost!“ Damit schüttete sie den nächsten Schnaps hinunter. ‚‚Und als Top-Maulwurf habe ich natürlich die Akte kopiert.“ Sie knallte einen blassrote Mappe auf den Tresen. ‚‚Grabowski war übrigens das geschmackvolle Abschiedsgeschenk meiner sauberen Kollegen, angeführt vom fetten Lederkommissar.“

***

Jackie und Max brauchten 2 Stunden, um Clara vom Tresen zu lösen. Sie war in Hochform, unterhielt die gesamte Destille und Jackie war ein bisschen neidisch, dass sie stockbetrunken, mit verschmierter Schminke, zerrissenen Strumpfhosen und einem Stiletto immer noch schön war. Die ganze Zeit wartete Jackie auf ihren Zusammenbruch und die bitteren Vorwürfe, die sie und Max verdienten. Clara hatte wegen ihnen ihren Job verloren und wer weiß, was noch auf sie wegen ihrer Maulwurfs-Wühlerei zu kam.  Max Jugendfreundin lehnte jetzt schon eine ganze Weile an Max Schulter – sonst wäre sie längst vom Barhocker gekippt. Dann sah Jackie, dass ihre schmalen Schultern zuckten, hörte ein Schluchzen und Max zog Clara an seine breite Brust und strich ihr über den Rücken. „Es tut mir so Leid. Ich bin an allem Schuld. Ich weiß doch, dass du mir nie etwas abschlägst“, sagte Max reumütig. Clara hob den Kopf und lallte: „Quatsch. Für dich tu ich das wirklich gerne. Das macht mir Spaß.“ Sie schwankte und fiel fast vom Stuhl, als sie den Kopf drehte und Max ansah. „Was soll ich jetzt für dich tun?“ Jackie beobachtete voller Befriedigung, dass Max so schuldbewusst aussah, wie er es verdiente. Dann brachte er seine betrunkene Schulfreundin hoch in seine neue Wohnung zu Bett. Unten studierte Jackie bereits die kopierte Akte.

Neu waren vor allem die Befunde aus der Pathologie: Auf Dieter Wunderlich war etwa 7 mal mit großer Kraft eingestochen worden, vermutlich mit einem handelsüblichen Küchenmesser. Kurz vor dem Mord hatte Dieter Wunderlich noch Sex gehabt. Die Tatzeit ließ sich auf etwa zwischen Mitternacht und spätestens 2 Uhr morgens eingrenzen.

Jackie und Max verbrachten die halbe Nacht damit, den Tag Revue passieren zu lassen und darüber nachzugrübeln, wer den Umzugsunternehmer Wunderlich wohl auf dem Gewissen hatte. Immer wieder stellten sie sich die gleichen Fragen: Wer hatte ein Motiv? Was genau war passiert? Und wie passten die ganzen verwirrenden Fakten zusammen? In den frühen Morgenstunden ging ihnen ein Licht auf. Sie hatten einen ziemlich klaren Verdacht, der sich schon am nächsten Tag bestätigen sollte…

Kommt ihr auch darauf, wer Dieter Wunderlich alias ‚‚Didi“ erstochen hat und löst unser Berlin Krimi Rätsel #4? Die Lösung findet ihr auf der nächsten Seite!