Zahltag ist das Berlin Krimi Rätsel #3 zum Selberlösen

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Mord vor der Destille

Um 9.30 Uhr klingelte Jackies Smartphone. Es war Marlies, die nette Kneipenwirtin aus der Destille. Sie war völlig aufgelöst. Als sich Jackie einen Reim aus ihrem Stöhnen, Weinen, Schluchzen und den dazwischen eingestreuten Wortfetzen gemacht hatte, war sie hellwach. Es hatte einen Mord gegeben. Kalle war tot. In den frühen Morgenstunden hatte jemand die Polizei gerufen, denn der Suffkopf lag erschlagen vor der Destille. ‚‚Paule schlug Kalle. Armer Paule. Jetzt sind beide tot“, schluchzte Marlies und Jackie konnte ihr einfach nicht entlocken, wer dieser Paule war. Auf jeden Fall hatte es wohl einen schrecklichen Doppelmord gegeben. Mit einer Axt wahrscheinlich, reimte sich Jackie zusammen. Außerdem war wohl die ganze Hausfront verschmiert. Blutverschmiert? dachte Jackie beklommen. Es musste das totale Massaker gewesen sein.

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hatte ihr Marlies ein unglaubliches Angebot gemacht. Die Arme war vollkommen verzweifelt. So verzweifelt, dass sie Max und Jackie um Hilfe bat. ‚‚Unter einer Bedingung,“ sagte Jackie. „„Wenn wir den Mörder entlarven, dann bekommt Max sein Traumschlösschen und wir beide machen gemütliche Kneipenabende zur Gewohnheit.“

Da lachte Marlies unter Schluchzern und sagte: ‚‚Du bist mir ne Marke. Jeschäftstüchtig, wie’n Schankwirt, wa.“ „„Genau wie du“, konterte Jackie. Sie hatte keine Lust auf ihr erstes Gespräch mit Max nach seinem Ausbruch. Vulkan. Heiß…, hallten ihr Claras Worte im Kopf und als sie sich auch noch die Zunge am Kaffee verbrühte und an Max denken musste, zweifelte sie an ihrer geistigen Gesundheit. Sie griff entschlossen zum Hörer und sagte ohne Begrüßung: ‚‚Wir treffen uns in 30 Minuten bei der Destille. Doppelmord. Axtmord. Kalle ist tot und ein gewisser Paule auch. Wir helfen Marlies und sehen uns die ganze Sache mal an.“

***

Bevor Max antworten konnte, hatte Jackie schon wieder aufgelegt. Ihm brummte der Schädel. Die rechte Faust schmerzte. Seine Brust auch. Er grinste und streckte sich ausgiebig. Mal schauen, wie Jackie sich bei ihm bedanken würde. Bestimmt war sie stolz auf ihn, dass er sie vor diesem Widerling verteidigt hatte. Vielleicht sollte er das öfter tun. Den Tod hatte er Kalle natürlich nicht gewünscht. Aber er konnte sich gut vorstellen, dass dieses Großmaul sich mit seiner widerlichen Art Frauen gegenüber einige Feinde gemacht hatte.

Summend sprang er unter die Dusche und machte sich mit nassen Haaren und bester Laune im Sonnenschein auf den Weg zur Destille. Dort war die Polizei bereits verschwunden und nur das gelbe Absperrband und die Klebestreifen waren geblieben, die den Umriss der Leiche markierten. Einer Leiche. Hatte Jackie nicht von einem Doppelmord gesprochen?

Quer über die Front der Kneipe war in fetten Lettern das Wort ZAHLTAG gesprüht worden. Außerdem lagen vor der Tür die traurigen Reste eines riesigen zertrümmerten Gartenzwergs. Dann sah er Jackie. Sie saß in der leeren Kneipe bei Marlies und starrte ihn düster an. Er lächelte sie an und ging hinein. „„Hi, ihr zwei. Schlimme Sache, das mit Kalle. Wo wurde denn der Zweite ermordet und wer war das?“ Marlies zog an ihrer Zigarette und schloß die Augen. „„Paule. Der hübsche Paule mit seiner Streitaxt. Keiner hatte so ein liebes Gesicht wie er.“

Jackie zeigte aus dem Fenster auf die Trümmer des Gartenzwergs: „„Das war Paule. Er war Marlies jedenfalls ein besserer Mann als Kalle. Irgendjemand hat mit Paule Kalle erschlagen“, sagte sie und fügte hinzu „„Bei dir ist gestern der Vulkan aber nur einmal ausgebrochen, oder?“ Jackie erstarrte und schlug sich die Hand vor den Mund. Max starrte sie an und kratzte sich am Kopf. Waren jetzt alle völlig verrückt geworden? „„Was für ein Vulkan?!?“

Und so begann alles…

Nur einen Tag vor dem Mord an Kalle standen Jackie und Max zum ersten Mal vor der Destille. Max legte den Kopf in den Nacken und starrte an der grauen Fassade des Hauses nach oben. Nicht gerade vielversprechend, dachte er. Dieses Haus hatte eine Renovierung sichtbar nötig. Im Erdgeschoss lag die Kneipe Zur Destille, die ihn schon von weiten mit ihrer Armada Gartenzwege auf dem Türsims abstieß. „„Ich bin’s langsam satt“, sagte er zu Jackie. „„Ist das jetzt die 10. oder schon die 11. Wohnung, die wir diese Woche anschauen? Diese Zwergenhölle ist ja schon aus der Entfernung ein Reinfall.“

Jackie seufzte. „„Ist halt so. Hör auf zu meckern. Einen Traumpalast kannst du für so wenig Schotter nicht erwarten. Nicht innerhalb der Ringbahn.“ Max warf ihr einen Blick zu und unterdrückte den Impuls, seine schlechte Laune an ihr auszulassen. Er tat sich immer noch schwer damit, zu akzeptieren, dass er seine geliebte Wohnung im Bergmannkiez verlassen musste. Doch daran konnte er nichts mehr ändern.

Nachdem seine Vermieterin Renate Kladow ermordet worden war, fiel das gesamte Haus an ihre Schwester. Mit einem triumphalen Lächeln hatte die eingefleischte Männerhasserin Eigenbedarf angemeldet und ihm gekündigt. Genau genommen hatte sie allen im Haus wohnenden Männern gekündigt – auch der Studenten-WG und den Pawlows. Da war der tatsächliche Grund allerdings, dass sie in ihren Augen keine echten Deutschen waren, dachte Max voller Wut.

Was ihn betraf, er hatte mal wieder keinen Job, kaum Geld und brauchte dringend eine neue Wohnung. Vielleicht sollten wir unsere Nasen in Zukunft nicht mehr überall hineinstecken, dachte er düster. „„Warum mussten wir uns beim Mord bei der alten Kladow unbedingt einmischen“, stöhnte er. „„Wer hätte den Fall denn sonst aufklären sollen?“, fragte Jackie. „„Dieser unfähige Kommissar Kern? Der hat ja schon beim ersten Fall versagt.“

Inzwischen waren noch weitere Interessenten zur Wohnungsbesichtigung erschienen. Vor der Kneipe standen ein aalglatter südländischer Typ im Anzug und mit zurück gegelten Haaren, ein junges durchgestyltes Pärchen, einige junge Leute und zwei Frauen um die 40, die aussahen wie Schwestern.

Max und Jackie gingen auf sie zu und Max stöhnte: „„Schon wieder so viele Bewerber. Da habe ich doch gar keine Chance. Selbst wenn ich diese Bruchbude nehmen müsste, ist das doch voll für den Arsch!“ „„Bruchbude“?, fragte eine rauchige Frauenstimme. Eine gut aussehende Mitvierzigern mit blonden Locken war aus der Kneipe getreten und musterte Max kritisch. „„Dit will ik mir doch verbitten. Kommen se mal alle Mann rin. Dit isn Traumschlössken mit Dachterasse.“ Max zog die Augenbrauen hoch, doch Jackie raunte selbstgefällig: „„Siehst du. Nicht von Anfang an immer alles schwarz malen“.

Sie klemmte sich dicht an die Kneipenwirtin und Vermieterin, die ihnen voran eine großzügige Wendeltreppe hinauf stieg. ‚‚Kein Aufzug“, raunte Max missmutig. „„He, wo ist hier der Aufzug? Frau Thiele, können wir nicht hoch fahren?“ „„Nein“, sagte sie knapp.  „„Dit jibbet hier nich. Und saach Marlies zu mia, ik bin doch keene Fuffzich. Siehst doch nach nem Sportsfreund aus, stell dia nich so an“. Max blieb der Mund offen stehen. Jackie schaltete sich sofort ein. „„Marlies, das darfst du dem nicht übelnehmen. Der kommt aus Wessiland und ist ein Zugezogener. Ich bin übrigens Jackie und finde deine Kneipe echt schick. Da würde ich gerne heute Abend mal reinschauen.“ Marlies lächelte Jackie breit an. „„Klar, können ja zusammen een zischen.“

Das Pärchen beeilte sich, Jackie in der Wohnungsschlacht zu übertrumpfen und drängelte sich als Erste durch die Eingangstür der Wohnung. Max riss die Augen auf und ihm entfuhr ein: „Ohhhhh“. „„Hab ik zuviel versprochen, junger Mann?“, fragte Marlies fröhlich. Das hatte sie nicht. „„Das ist ein Traumschlösschen“, hauchte Jackie hingerissen. „„Oh  Marlies. Warum gibst du so ein Paradies weg?“ „„Ik hab doch dit gleiche in Grün eins drunter. Seh ik so fett aus das ik zwei Wohnungen brauche?“ Marlies lachte rasselnd und Jackie stimmte ein.

Das Traumschlösschen

Die Wohnung war ein Traum. Hohe Decken mit originalem Stuck, kaum verkratze Dielen mit Ochsenblut und noch dazu ein lichtdurchfluteter Erker mit Blick auf den Boxhagener Platz. Eine schmale schmiedeeiserne Treppe führte hinauf zum Dach. „„Dit beste is janz oben!“, sagte Marlies geheimnisvoll. ‚‚Kommse mit meene Damen und Herren: Für diesen Blick hat meen selijer Papa jetötet…. Also nich wirklich natürlich, vastehnse mia nich falsch!“

Der aalglatte Anzugträger sah sie mit einem aufgesetzten Lächeln an und sagte: ‚‚Ich möchte Ihnen schon jetzt ein Angebot zum Kauf dieser Wohnung machen. Überlegen Sie sich einfach eine Zahl und über Nacht ist Sie auf ihrem Konto.“ Das Pärchen eilte so schnell die Wendeltreppe hinauf, dass die junge Frau fast stürzte. Alle drängten plötzlich zu der schmalen Treppe, um so schnell wie möglich nach oben zu kommen. Jackie warf sich ins Gewühl und stürzte hinterher. Max starrte und schluckte. Er hatte den Anschluss verpasst. Offensichtlich hatte er immer noch keine Übung im Schlachtgetümmel auf dem hart umkämpften Berliner Wohnungsmarkt. „„Finger weg von meinen Beinen!“, schrie Jackie und klatschte ihre Handtasche auf die Finger des Aalglatten. Er taumelte. Marlies kicherte.

Max drehte der erbitterten Schlacht auf der Wendeltreppe den Rücken zu und ging in den Nebenraum. Es war eine große, frisch renovierte Küche mit einem kleinen Balkon. Direkt daneben gab es sogar eine kleine Abstell- oder Speisekammer. Wow, dachte er. Geht das noch zu toppen? In diesem Moment schrie Jackies helle Stimme mit einem drängenden Unterton: „„Maaaaaxxx, komm sofort her!“ „„Ich komm ja schon!“, brüllte er zurück. Mit ein paar schnellen Schritten hastete er die Wendeltreppe hinauf und befand sich im Garten Eden.

Das ganze Flachdach war eine grüne Oase. Es gab sogar eine altmodische Hollywoodschaukel. Das Pärchen saß schon dort und er wusste nicht, ob sie so verliebt schauten wegen der Wohnung, der Hollywoodschaukel oder ihrem Glück zu Zweit. Jackie stand neben Marlies und hauchte hingerissen: „„Marlies, ich bin verliebt. Was willst du dafür haben? Es gibt keinen besseren Mieter für dich als Max, denn da ist mein grüner Daumen inklusive“. Marlies lachte und setzte eine Geschäftsmiene auf: „„Nix für unjuut Jackie, ik mag dia. Aba erstma muss ick dem seine Solvenz prüfen und ick hätte janz jerne dit Schufa-Dingens, Einkommensnachweis und det janze Pi Pa Po. Wenn dit allet stimmt, dann brauchste mia ja nich mehr weichklopfen.“ Jackie nickte. „„Ich hole ihn mal.“

Kaum war sie weg, belagerten die anderen Interessenten Marlies und übergaben ihr ihre Unterlagen. Vor allem das junge Pärchen fiel Jackie durch besonders penetrante Schmeicheleien und ihre Großspurigkeit auf. Der junge Mann betonte ungefähr 5 Mal, er sei Anwalt. Seine Freundin war Chefsekretärin bei Siemens. Er hatte sogar schon Bargeld für die Kaution dabei. Als Max endlich an die Reihe kam und seine Unterlagen vorzeigte, sah Marlies ihn ehrlich enttäuscht an. „„Wat is’n ditte? Verschuldet scheint der Herr ja nich zu sein, aber von regelmäßjem Einkommen seh ik hier och nix.“ „„Ich jobbe. Meistens als Security. Ich brauche die Abwechslung und bisher war noch kein Job der Knaller“, rechtfertige Max sich. Jackie spießte ihn mit Blicken auf. „„Momentan brauche ich mal eine Pause. Wegen den ganzen Morden und dem Stress mit dem Umzug. Da wäre diese Bude zum runterkommen echt voll okay!“

Marlies Augen wurden tellergroß. Jackie platzte endgültig der Kragen und sie schubste ihn mit beiden Händen aus dem Weg und schob sich vor Marlies. „„Max ist als Security total gefragt! Er stellt sein Licht immer unter den Scheffel. Max kann Karate und lauter so Kampf-Sachen. Mit ihm wäre es hier echt sicher. Vor allem mit der Kneipe, da könnte er dir bei Stunk helfen. Er ist kein Mann der großen Worte, eher der großen Taten. Wegen der fehlenden finanziellen Sicherheit würde ich auch für ihn bürgen. Ich bin Dozentin an der Uni und kann dir alles vorweisen, was dem Herren an Papier und im Kopf abgeht.“

Marlies seufzte und sagte mit einem entschuldigenden aber zugleich endgültigen Ton in der Stimme: „„Sorry. Nischt füa unjuut. Bist ma echt sympathisch, aba ik muss finansjell uff Numma sicha jehn. Jeschäft is Jeschäft. Und dit Schlössken is ja nich für dich. Wat mach ich, wenn er bei dir verkackt?“

Geknickt trat Jackie den Rückzug an: „„Unglaublich schade. Aber ich versteh dich. Aber einen bei dir trinken würde ich später trotzdem gerne. Bis heute Abend.“ „„Klar, tut das“, sagte Marlies, drückte Jackie zum Abschied und gab Max die Hand. „„Viel Glück bei der weitren Wohnungssuche. Und such dir mal n richtjen Job, rat ick dir. Det könnte helfen…“ Sie zwinkerte ihm zu und wandte sich dann dem schnöseligen jungen Pärchen zu. Die Anwaltsnummer scheint bei ihr zu ziehen, dachte Max enttäuscht. Die Wohnung wäre perfekt für ihn gewesen.

Der schleimige Anzugträger drängte sich an ihm vorbei, verzog keine Miene und betonte noch einmal gegenüber Marlies: „„Frau Thiele, bevor Sie voreilig vermieten, überdenken Sie noch einmal das großzügige Angebot der Papadopoulos SE. Sie könnten Ihre Entscheidung unter Umständen sonst sehr bereuen.“ Marlies verdehte die Augen: „„Ach wat. Hätte, hätte liecht im Bette! Ick weeß schon, wat ick tue.“ Und wandte sich wieder dem Junganwalt zu.

„„Marlies!“, rief ein braungebrannter, blonder Mann, der tiefe Ringe unter den Augen hatte und aussah als hätte er die Nacht durchgezecht. Er sah sich um und ließ den Kopf hängen. „„Hab meinen Rucksack in der Destille vergessen. Ich weiß nicht, wo ich jetzt wohnen soll. Bin ja jetzt ganz alleine und Steffie hat mir alles genommen.“ Er verzog das Gesicht schmerzverzerrt und griff sich an die Brust. Mit Tränen in den Augen sagte er leise: „„Herzensbrecherin. Die Steffie wollte mich nicht und die beste Frau habe ich nicht erkannt als ich sie hatte.“ Marlies legte dem Mann ihre Hand auf die Schulter. „„Der Herzschmerz varjeht schon. Ick jeb dir ein Schnäppsken aus.“ Der Mann sagte bitter: „„Dich zu verlassen war der größte Fehler meines Lebens.“ Marlies sah verlegen zu Boden.

„„Was für eine Schmierenkomödie“, flüsterte der Junganwalt spöttisch. Jackie bemerkte plötzlich, dass nicht nur sie die emotionale Szene gebannt verfolgt hatte. Das Pärchen stand Händchen haltend neben ihr und war glücklich. Das wäre ich auch, wenn ich dieses Schmuckstück ergattert hätte, dachte Jackie. Verblüfft schreckte sie auf, als Marlies in die Hände klatschte und laut sagte: „„Ik muss Ihnen allen saang, dat die Entscheidung noch nicht steht. Ik muss darüber schlafen und melde mich dann morgen.“ Jackie konnte ihre Freude nicht zurück halten und rief „„Yeah!“.

Sie sah sich suchend nach Max um. Dabei bemerkte sie, dass das reiche Pärchen jetzt ziemlich wütend aussah. Die Frau zumindest. Die haben doch bestimmt so viel Schotter auf dem Konto, dass sie sich auch eine teuere Wohnung in der Liga mieten können. Die junge Frau bemerkte Jackies Blick und sagte mit einem aufgesetzten Lächeln: „„Ich bekomme immer was ich will. Da bringt ihnen das Schleimen bei der fetten Wirtin gar nichts. So etwas wäre übrigens unter meiner Würde.“ Dann rauschte sie mit hocherhobenen Kopf an Jackie vorbei.

Max stand alleine am Geländer und sah hinunter auf den Boxhagener Platz. Jackie seufzte. Sie war langsam am Ende mit ihrer Geduld. „„Mann, Max. Wieso bemühst du dich nicht um die Wohnung? Sie ist der Wahnsinn. Marlies ist supernett und ein Glücksgriff als Vermieterin.“ Max meinte ruhig: „„Tja, an meinen Finanzen und der fehlenden Sicherheit ändert sich bei mir so schnell nichts. Ich bin kein Lügner, Jackie.“ Du bist viel zu ehrlich und spielst viel zu fair, dachte Jackie und suchte mit den Augen unwillkürlich nach der eingebildeten Schnepfe. Die intrigante Frau fiel gerade dem blonden Mann um den Hals. Jackie runzelte die Stirn. Sie bildete sich ein, die Frau hätte blitzschnell eine Hand in seine Jackentasche gesteckt und etwas heraus genommen. Komisch, hab ich jetzt Hallus?

Für Max war die Schlacht um die Wohnung verloren, doch Jackie plante bereits die nächste Attacke – abends in der Kneipe. Bei Bier und guter Laune ließ sich meist noch so Einiges bewegen, wusste sie. Max hatte auch seine Schulfreundin Clara gefragt, ob sie abends mit in die Kneipe Zur Destille kommen wollte. Clara arbeitete bei der Polizei im Morddezernat und hatte Max schon mehrfach mit internen Infos gefüttert, als dieser mit Jackie Detektiv spielte. Ihr Chef, der tapsige Kommissar Kern, hatte davon natürlich keine Ahnung. 

Kneipenabend in der Destille

Gegen 20:30 Uhr trafen sich die drei vor der Destille. Jackie traf Clara zum ersten Mal, bisher kannte sie nur ihre Stimme vom Telefonieren. Clara war eine dunkelhaarige, hübsche Frau mit klugem Gesicht und asiatischen Mandelaugen. Jackie schätzte sie auf circa 30. Zur Begrüßung sprang sie Max um den Hals. Jackie gab sie die Hand und sagte lächelnd: „„Freut mich wahnsinnig, dich endlich persönlich kennen zu lernen.“ Ebenso“, lachte Jackie. Clara war ihr sofort sympathisch. Zusammen gingen sie in die Destille. Marlies begrüßte sie und winkte sie zu sich an den Tresen. Max setzte sich natürlich in der Mitte. Er bestellte 3 Bier, sie stießen an und dann begann Clara ihn in Beschlag zu nehmen.

Schnell bestätigte sich Jackies Verdacht: Claras Gefühle für Max waren eindeutig nicht nur freundschaftlicher Natur. Sie trug einen Minirock, der ihre langen Beine betonte und Pumps. Auf dem Barhocker rutschte der kurze schwarze Rock so hoch, dass jeder Kerl in der Bar seine Augen auf ihre schönen Stelzen richtete. Jackie wäre in diesen 10 cm-Absätzen beim ersten Schritt umgefallen. Turnschuhe und Jeans sind ja irgendwie auch sexy, dachte sie selbstironisch. Clara klimperte auffällig oft mit ihren langen Wimpern, während sie mit Max sprach. Sie hing an seinen Lippen – doch aus denen kam wie meistens nichts Charmantes…

Er sah abwechselnd sie und Clara an und erzählte ihnen, wieso er bei seinem letzten Arbeitgeber gekündigt hatte. Wie immer kapierte er kein bisschen, was die Menschen um ihn herum dachten. Emotional war Max irgendwie… „„typischer Herzensbrecher“, sagte Marlies. „„Is’n Sahneschnittchen, aber mit nem kühlen Blonden biste besser dran.“ Jackie nahm das Bier und stieß mit Marlies an. „„Weisst du, ich rede viel lieber mit dir als mit den beiden Turteltäubchen.“

Sie ließ den Blick durch die randvoll dekorierte Destille schweifen. „„Man, so viel cooler Kram hier. Echt irre“, sagte sie und wusste gar nicht, wo sie hinschauen sollte in dem Wirrwarr aus DDR-Wimpeln, Plüschbären, Kunstblumen, Lebkuchenherzen, Nippesfiguren, kitschigen Wandtellern und skurrilen Gegenständen, die Wände und alle freien Fensterbänke und Regalborde bedeckten. „„Det is mein Hobby, Zeuch sammeln…“ lachte Marlies. „„Haste jesehn? Den Eingang hab ick och dekoriert.“ Die Zwergenhölle, dachte Jackie grinsend.

„„Ich sammele eher hoffnungslose Fälle“, seufzte Jackie mit einem leichten Seitenblick auf Max. Marlies horchte auf: „„Ach erzähl mir nix. Kiek mal, da drüben sitzt der Kalle. Vor Jahren lief mal wat, aber dann hat er diese Schnalle Steffie mit ihren Beenen vom Boden bis zum Himmel aufjerissen. Da sah det dralle Marlieschen natürlich gleich wie Asbach uralt aus, klar, wa?“ Jackie rümpfte die Nase: „„Was für ein Blödsinn, du bist doch nicht drall. Weibliche Formen nenn ich das!“

„„Is och ejal“, meinte Marlies, mit einem Blick, der das Gegenteil sagte. Die Steffie hat jetzt och genug vom Kalle. Hat den ollen Suffkopp rausjeworfen.“ Unauffällig drehte Jackie sich um und erkannte den blonden Typen, der zu spät zur Wohnungsbesichtigung aufgetaucht war. Geduscht, ohne Augenringe und im locker aufgeknöpften Hemd, sah der Blonde mehr als gut aus. „„Den würde ich mir auch schmecken lassen“, sagte sie lachend und prostete Marlies zu.

Doch die sah sie ernst an: „„Lieber nicht. Dit isn Herzensbrecher wie er im Buche steht. Ick war schon wieder so blöd und hab ihm jesacht, er kann erstma oben pennen und hab sogar wegen dem Hirni det mit dem Mietvertrag rausjeschoben.“ „„Was?“ – „„Uns sagst du ab, wegen finanzieller Sicherheit und Unterlagen und Kalle gibst du dann einfach die Wohnung ohne Mietvertrag?“ Obwohl sie wusste, dass sie eigentlich kein Recht dazu hatte, konnte Jackie einen leicht vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme nicht ganz unterdrücken.

Die Wirtin seufzte. „„Ich hab sie ihm ja nicht gleich vermietet. Auch wenn er det jern hätte. Mann, Jackie, vasteh mia doch, ick kann dem einfach schwer wat abschlagn. Is ja erstma nur vorläufig.“ – „„Ich wette, diese zwei Angeber, waren nicht sehr begeistert von der Absage.“ „„Nich bejeistert? Na dit kannste laut sagn!“, empörte sich Marlies, während sie für Max und Clara Tequila Sunrise mixte. „„Die ham noch irjendwat jefaselt von wejen wird n unanjenehmes Nachspiel ham und et letzte Wort is noch nich jesprochen und der Typ kam mir mit Paragraph weeß-ick-nich an. Aber wat ick weeß is: solang ick nix unterschriem hab, bestimme ick imma noch, wer da wohnt. Wat weeß icke? Vleicht verkoof ick se am Ende doch an den Papadingsdalos. Lohnen würd sich’s ja. Könnt ick den Laden hier nämlich dicht machn und mia zur Ruhe setzn.“

„„Papadopoulos“, murmelte Jackie nachdenklich, „„irgendwo habe ich den Namen schon gehört.“ Doch bevor sie den Gedanken weiter verfolgen konnte, hörte sie hinter sich Kalle rufen: „„Marlies, Nachschub!! Wo bleibt unser Bier?!“ Die Wirtin drehte sich so abrupt um, dass sie die fertig gemixten Cocktails umwarf, die Cocktailgläser klirrend zersprangen und der klebrige Inhalt sich auf Marlies Rock verteilte. „„Scheiße!“, rief sie aufgebracht.

„„Lass mich mal“, sagte Jackie und war schon aufgesprungen und ihr zu Hilfe geeilt. „„Ich bring den Jungs ihr Bier und du pass auf mit den Scherben. Ich hab schon mal als Studentin gekellnert, also keine Sorge.“ Flink sah sie zu Kalles Tisch, registrierte mit einem Blick, was er und die drei anderen Kerle tranken, zapfte zwei Helle und griff so schnell als hätte sie nie etwas anderes getan, die richtigen Sorten Flaschenbier aus dem Kühlschrank. Während Marlies sich abtrocknete und die Scherben auffegte, war Jackie schon mit dem Tablett unterwegs zu Kalle und seinen Freunden.

Herzensbrecher

Kalle war äußerlich total Jackies Typ, eigentlich sogar mehr als Max. Er war groß, breitschultrig und strahlte Selbstbewusstsein aus, hatte regelmäßige Gesichtszüge und ein provozierendes Grinsen im Gesicht, das sie schon als Teenie an den „„bösen Jungs“ so gemocht hatte. ‚‚…hat sie mich einfach auf die Straße gesetzt. Aber ich habe immer schnell eine Neue aufgerissen“, sagte er gerade zu einem seiner Kumpel, von denen keiner sein gutes Aussehen teilte – zumindest in Jackies Augen. „„Kriechste jetzt wieder bei Marlies ins Bett?“, fragte der glubschäugige Mann. „„Spinnst du?“ sagte Kalle in verschwörerischem Flüsterton „„Ich sag nur: Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Das schrumpelige Moppelchen wollen doch höchstens noch ihre eigenen Gartenzwerge knallen.“ Großes Gelächter.

„„Ich knall dir auch gleich eine“, entfuhr es Jackie, die den Tisch jetzt erreichte und alles mitgehört hatte. Sie stellte das Tablett energisch auf den Tisch und stemmte die Arme in die Hüften. „„Ohne Marlies lägst du unter der Brücke. Und da gehört so ein Aas auch hin!“ Kalle grinste noch breiter, musterte sie anerkennend und sagte flirtend: „„Hallo, meine Schöne. Immer langsam mit den Urteilen. Du kennst ja noch gar nicht meine Schokoladenseite. Deine auf jeden Fall ist Zucker. Ich hab doch nur einen derben Scherz gemacht“. Damit ließ er seine große Hand auf Jackies Hintern knallen und griff zu.

Zum ersten Mal seit langem war Jackie sprachlos. Kalle sah ihr tief in die Augen und lächelte sie an, dann griff er sich plötzlich ans Herz, verzog theatralisch das Gesicht und rief: „„Mein Herz steht in Flammen! Die Schmerzen wollen nicht enden! Diese Göttin schießt mit ihren Augen Pfeile in mein Herz.“

Diesen Ausdruck echten Schmerzes hat er echt drauf, dachte Jackie. Das war wohl seine Masche bei Frauen. „„Das Aas hier heißt Kalle und sollte wohl mal Benehmen lernen“ stellte er sich mit treuherzigem  vor. ‚‚Ich bin nur so ein Arsch, weil mir eine Frau mal wieder das Herz gebrochen hat. Da mache ich emotional dicht und schütze mich mit fiesen Sprüchen.“ Kalle sah ihr tief in die Augen.  „„Setz dich doch erstmal zu uns, ich gebe dir als Entschuldigung ein Bier aus. Dann erzählst du mir alles über dich“. Sein Kumpel sprang von seinem Platz und alle sahen sie erwartungsvoll an. Jackie warf die Haare zurück und meinte: „„Echt jetzt? Die Masche zieht bei andern Frauen? Gott müssen die verzweifelt sein“. Sie drehte sich um und ging zurück zu Marlies.

„„Er steht auf dich“, sagte Marlies traurig. Kalles Oogen kleben an deinem kleinen Hintern wie ne Flieje am Honich. Clara fragte neugierig: „„Was ist los? Wer hat Honig am Hintern?“ Jackie sah zu Kalle und der lehnte sich selbstgefällig im Stuhl zurück. Er warf Jackie einen neckenden Blick zu, während er auf seinen Schoss klopfte. Als sie nicht reagierte tat er so, als habe ihn ein unsichtbarer Pfeil ins Herz getroffen und erntete für seine Show Gelächter und Applaus. Max starrte sie an und fragte ungläubig: ‚‚Der ist dein Typ? Der behandelt dich schon jetzt wie ein Stück Fleisch.‘‘ Kalle provozierte sie weiter und hob sein Handy und machte Fotos von ihr. Max sprang auf: „„Geht´’s noch?‘‘ Er sah aus wie eine Gewitterwolke. „„Was glaubt der Spacko, wer er ist?!“

Jackie, Marlies und Clara sahen ihm fassungslos hinterher, als er mit durchgedrückten Schultern zielstrebig auf Kalle zuging. Die beiden wechselten erst leise Worte. Dann wurde es immer lauter und Kalle griff Max am Kragen. Er lachte. Und dann drehte Max durch. Er stieß Kalle von sich, nahm einen Bierkrug und goss ihn über dessen Kopf. Der blonde Mann brüllte wie ein verwundeter Stier auf und stürzte sich auf Max. Stühle und Tische flogen. Die beiden Streithähne waren in einander verkeilt und taumelten biertriefend durch die Kneipe. „„Schluss. Wenn ihr nicht sofort die Kneipe verlasst, rufe ich die Polizei!“, sagte Marlies laut aber mit ruhiger Stimme. „„Schorsch, Andi, Fiepi, setzt die beiden sofort an die Luft. Na, wird’s bald!“ Kalles drei Kumpels sprangen auf und bevor Jackie ganz kapiert hatte, was da eben passiert war, saß sie mit Clara alleine in der Bar.

„„Ach du scheiße“, brachte Jackie über die Lippen. „„Max war immer so stoisch. Nicht zu provozieren oder aus der Ruhe zu bringen. Eher nicht so der Haudrauf-Typ.“ Clara legte den Kopf schief: „„Das liegt daran, dass du ihn nicht gut kennst. Dann wirkt er ausgeglichen und ruhig. Aber tief in ihm, da brodelt ein Vulkan und wenn der ausbricht – und das tut er regelmäßig – dann zeigt er seine heiße Seite.“ Jackie schluckte: „„Heiße Seite? Was?“ Clara fragte jetzt direkt: „„Läuft zwischen euch was?“ Jackie begann zu lachen. „„Der meldet sich nie. Wirklich nie! Und wenn, dann geht es immer nur ums Eine. Also um Mord und Totschlag und meine Hacker-Kompetenzen, die er gerade braucht.“

Clara atmete spürbar auf und sagte: „„Oh man, das kenne ich gut. Mich ruft Max auch nur wegen Gefallen, Infos und vermutlich aus schlechten Gewissen an.“ Jackie nickte und sagte: „„Du bist verknallt in ihn. Man sieht es dir an. Aber er checkt´s nicht, der Volldepp.“ „„Mit Frauen ist Max speziell wegen der Sache“, sagte Clara rätselhaft. „„Entweder sind Männer blind und sehen nicht, was sie haben können oder sie sind komplette Arschlöcher wie dieser Kalle. Der hat vorher zu seinen Kumpels tatsächlich gesagt, Marlies‘ Haltbarkeitsdatum sei abgelaufen und nur noch ihre Gartenzwerge würden mit ihr schlafen wollen. Dabei gab ihm diese tolle Frau aus Großherzigkeit auch noch ihre traumhafte Wohnung.“

„„Jetzt garantiert nicht mehr!“, sagte Marlies mit vor Wut und Enttäuschung zitternder Stimme. Jackie fuhr entsetzt herum und sah in Marlies aufgebrachtes Gesicht. „„Oh nein. Das solltest du nicht hören. Gib nichts darauf, was dieses Arschloch sagt.“ Doch es war schon zu spät. Marlies rollte eine Träne übers Gesicht und sie stieß zwischen den Zähnen hervor: „„Ich wünschte Kalle wäre tot.“ Dann sank sie gegen Jackies Brust und begann hemmungslos zu weinen.

Zahltag

Und am nächsten Tag war Kalle tot. Jackie war besessen von Vulkanen und Max‘ ´Gedanken waren nur noch bei ihrem neuen Mordfall. Als er an der Destille ankam, registrierte er als erstes die Schmiererei auf der Fensterscheibe: ZAHLTAG hatte jemand in klobigen blutroten Lettern darauf gesprayt. Er betrat die Destille: Marlies saß wie ein Häufchen Elend vor Jackie und hatte gerade das Geheimnis gelüftet, wer Paule war.

Er setzte sich zu den beiden und fragte Marlies: „„Hast du nachts irgendetwas gehört?“ Die Wirtin schnäuzte sich geräuschvoll die Nase und nickte. „„Det hab ick tatsächlich. Vorm Einschlafen, so gegen Dreie hat et anner Tür jerüttelt. Det is alladinx nix Besonderes, sowat passiert jede Woche mal. Außerdem war et jestern Nacht ja ooch verdammt stürmisch jewesen. Darum hab ick mir nix bei jedacht.“ Sie schluchzte und fuhr dann fort: „„Aba irjendwann später, da hattet schon jedämmert, gabs dann nen richtich lauten Schlag draußn. Da saß ick aufrecht im Bette!“ Marlies rollte eine Träne aus den verquollenen, roten Augen. Sie flüsterte: „„Das war bestimmt der tödliche Schlag, mit dem der Mörder Kalle und Paule umgebracht hat.“

Jackie strich Marlies tröstend über den Rücken und sagte mitfühlend: „„Wie furchtbar. Fällt dir jemand ein, der ein Motiv haben könnte, Kalle so etwas anzutun?“ Marlies schaute sie eine Weile nachdenklich an, dann sagte sie: „„Steffi, seine Ex-Freundin, vielleicht. Die hat ihn rausgeworfen. Die ist so ne Sprayerin oder Graffiti-Künstlerin oder wie die sich nennen.“ Max hakte nach: ‚‚Aber warum hätte Sie Kalle denn umbringen sollen? Was könnte er ihr so Schlimmes angetan haben, dass es nicht reicht, ihn vor die Tür zu setzen?“

Marlies zögerte: „„Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe Gerüchte gehört, wonach Kalle manchmal völlig ausgerastet ist und handgreiflich wurde.‘‘ Jackie warf Max einen düsteren Blick zu. „„Das dürfte dir bekannt vorkommen, du Vulkanmensch“, murmelte sie. Doch Max war in Gedanken versunken. „„Zahltag, Zahltag… was ist damit wohl gemeint…?“, grübelte er. 

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Marlies öffnete und ließ den schmierigen Vertreter der Papadopoulos SE hinein. „„Wat wolln Sie denn schon wieda? Sehnse nich, dat hier wat vorjefallen is??“ Der Geschäftsmann räusperte sich: „„Mein herzliches Beileid… allein schon wegen der Wertminderung ihrer Wohnung. Ein Mord vor der Haustür treibt natürlich die Immobilienpreise nach unten. Ich kann mir vorstellen, dass nun deutlich weniger Menschen hier wohnen wollen. Dennoch ist die Papadopoulos SE so großzügig Ihnen ein immer noch höchst lukratives Angebot für Ihre Immobilie zu unterbreiten. Nicht ganz so hoch wie vor der Gräueltat versteht sich.“

Kommissar Kern ermittelt

„„Interessant“ sagte ein äußerst beleibter Mann im Trenchcoat der jetzt hinter dem Anzugträger auftauchte und demonstrativ seinen Polizeiausweis vor dessen Augen schwenkte. Kommissar Kern, der hatte gerade noch gefehlt, dachte Max. „„Wie heißen Sie und wo wohnen Sie?“ löcherte der Kommissar den Geschäftsmann.  „„Wo waren Sie heute früh zwischen 5:00 Uhr und 6:00 Uhr? Haben Sie zufällig Erfahrungen als Holzfäller?“

Der gegelte Anzugträger schwieg völlig verdattert und sagte dann: „„In der Großstadt Bäume fällen? Ehrlich gesagt: Mir fehlt die Übung. Im Übrigen bin ich Ihnen keinerlei Rechenschaft schuldig, solange Sie mich nicht vorladen. Die Nummer meines Anwalts steht auf dieser Visitenkarte.“ Damit drückte er Kommissar Kern eine Visitenkarte in die Hand, nickte Marlies zu und verließ raschen Schrittes die Kneipe.

Nun wandte sich der Kommissar den dreien zu und schnaufte, als er Max und Jackie erkannte. „„Sie beide, mitkommen. Sie stecken ganz schön in Schwierigkeiten.“

***

Auf der Wache vernahm Kommissar Kern Max geschlagene drei Stunden. Zunächst war Max noch amüsiert, aber nach und nach begriff er, dass es dem Kommissar ernst war mit seinen Anschuldigungen. „„Zum letzten Mal!“, schrie der Kommissar ihn gerade schwer atmend an. „„Können Sie beweisen, dass Sie nach Ihrer Schlägerei mit dem Toten unverzüglich nach Hause gefahren sind? Und dort auch noch zur Tatzeit waren? Wenn Sie etwas zu gestehen haben, dann tun Sie es jetzt! Sonst landen sie schneller hinter Gittern, als sie denken!“

„„Aber“, setzte Max müde an, „„ich habe es Ihnen doch schon drei Mal erklärt. Ich bin ins Bett gefallen und habe geschlafen. Und da war ich zufällig alleine. Wie soll ich Ihnen denn beweisen, dass ich nicht wo anders war als in meinem Schlafzimmer? Inzwischen kennen wir uns seit drei Mordfällen – glauben Sie wirklich, ich wäre über Nacht zum Mörder geworden und hätte die Seite gewechselt?“

Kern schürzte die Lippen und trommelte mit seinen dicken Fingern auf die Tischplatte. „„Können Sie mit einer Axt umgehen?“, fragte er aus dem Nichts. Max war todmüde. „„Ja“, sagte er. „„Bei meinen Eltern habe ich schon öfter Holz für den Kamin gespalten.“ Kern notierte das auf seinem Block. Er sah Max prüfend an und wischte sich mit einem karierten Stofftaschentuch die Schweißperlen von der Stirn. „„Der zerbrochene Zwerg trug laut Aussage von Frau Thiele eine Axt in der Hand, doch die ist spurlos verschwunden. Finden Sie das angesichts der Ereignisse nicht auch höchst verdächtig?‘‘

Mit diesen Worten legte er Max ein Foto des Toten vor: Kalle lag zusammengekrümmt da und auf seinem Kopf war eine gewaltige Platzwunde, darum herum die Scherben von Paule, dem Gartenzwergs und ein kleiner See aus Blut. Max schluckte, „„Wie eine Axtverletzung sieht mir das nicht gerade aus‘‘, murmelte er. „„Klar, dass Sie das sagen, Sie sind ja auch der Hauptverdächtige! Haben sie es wegen Ihrer hübschen Freundin getan? Hören sie, bei so einer Frau kann ein Mann schon einmal Amok laufen“, er lächelte süffisant. „„Gestehen sie jetzt und ich verspreche ihnen, dass ich für einen guten Anwalt sorge.“

Er fügte lockend hinzu: „„Mord im Affekt? Es überkam sie einfach? Ich meine, Kalle hatte es doch verdient, oder?“ Max verschränkte die Arme vor der Brust: „„Kein Mensch hat es verdient mit einem Gartenzwerg ermordet zu werden. Außerdem ist Jackie nicht meine, sondern nur eine Freundin. So wie eine von vielen. Ich gebe zu, mir sind gestern die Sicherungen durchgebrannt. Ich kann es nicht vertragen, wenn Frauen wie Vieh behandelt werden. Wir Männer müssen das wehrlose Geschlecht doch beschützen.“ „„So, so“, Kern lächelte süffisant. „„Wir sind für den Moment hier fertig. Nehmen sie sich einen Anwalt, sie werden ihn brauchen. Ach ja, sie dürfen Deutschland vorerst nicht verlassen. Guten Tag.“

Jede Menge Motive

Auf dem Rückweg vom Polizeirevier war Max auffällig still. Jackie hatte ein überraschend nettes Gespräch mit Kommissar Kern geführt. „„Eigentlich ist der Kern ganz okay“, sagte sie. „„Nicht der fähigste Kommissar aber ein netter Mensch ohne Vorurteile. Er hat mir sogar das Computerprogramm vorgeführt mit dem sie die Verdächtigen analysieren. Das war fast CSI. Dich scheint er übrigens ziemlich zu mögen, er hat alles Mögliche über dich gefragt.“ Max schwieg.

„„Ich habe mir auf dem Tablet Graffittis von der Exfreundin angeschaut. Sie ist eine der führenden Sprayer in der Szene. Ihr Stil sind knallige Neonfarben und filligrane Muster. Wie genau sie zu dem Opfer stand und ob er sie wirklich geschlagen hat, wissen wir nicht. Aber durch den Rauswurf von Kalle und das Graffitti Zahltag ist sie mehr als verdächtig. Ein Motiv könnte Hass, Liebe, Wut, die ganze emotionale Bandbreite sein. Laut Statistik sind diese Emotionen ja der Hauptgrund für einen Mord.

Max fragte plötzlich: „„Kommt dann nicht auch Marlies in Frage? Immerhin hat Kalle sie gestern übel beleidigt. Bei ihr wissen wir sicher, dass sie ihn liebte und allen Grund hatte, ihn zu hassen. Entsetzt sah Jackie ihn an und sagte bedrückt: Ich hatte das schon fast vergessen. Aber nach Kalles Aktion hat sie gestern wortwörtlich gesagt: „„Ich wünschte Kalle wäre tot.“ Und dieser Wunsch ist unglaublich schnell in Erfüllung gegangen und noch dazu direkt vor ihrer Haustür. „„Vielleicht hat sie selbst ihre Kneipe verschandelt um den Verdacht von sich auf die Ex zu lenken“, überlegte Max weiter.

„„Und Papadopoulos? Mir kam der Name gleich bekannt vor. Das war der Immobilienhai, der der Kladow das Angebot für das Haus gemacht hatte bei unserem zweiten Fall. Wie seltsam, dass dieser Name schon wieder im Zusammenhang mit einem Toten auftaucht.“ Max sagte trocken: „„Mein Name taucht ja auch im Zusammenhang mit drei Morden auf.“ „„Schon. Aber die Papadopoulos SE hat einen eindeutigen Vorteil durch diesen Mord bekommen. Sie hat andere potentielle Mieter abgeschreckt und den Preis gesenkt – das waren die Worte des Papadopoulos-Vertreters heute.“

„„Noch etwas ist seltsam“, sagte Jackie. „„Kommissar Kern hat mir vorher etwas erzählt, das wichtig sein könnte. Gestern nach der Wohnungsbesichtigung hat die Chefsekretärin, du weißt schon, die mit dem Anwalt, eine Anzeige gemacht, weil ihr Portmonnaie fehlte. Und heute hat die Polizei ihren Geldbeutel in der Hosentasche von Kalle gefunden.“ Max dachte laut: „„Also ist Kalle ein Dieb, vielleicht war er sogar ein Krimineller.“ Jackie wiegte den Kopf: „„Vielleicht… vielleicht aber auch nicht. Aber ich habe bei der Wohnungsbesichtigung gesehen, wie diese Chefsekretärin Kalle umarmt hat und ich habe mir eingebildet, sie hätte ihm etwas aus der Tasche gezogen. Wer weiß, vielleicht hat sie auch etwas hinein gesteckt? Kennen die beiden sich? Man umarmt doch keinen Wildfremden!“

Max sah sie erstaunt an: „„Wieso sollte sie ihm ihr eigenes Portmonnaie zustecken? Meinst du, die kennen sich und haben eine Affäre? Und wieso zeigt sie dann einen Diebstahl an?“ Jackie überlegte laut: „„Das war nachdem Kalle ihnen die Zusicherung für die Wohnung vermasselt hat. Ich finde es wahrscheinlicher, dass sie ihm den Diebstahl anhängen wollte, damit er diskreditiert ist und sie die Wohnung bekommen. Ob die beiden auch wahnsinnig genug sind, Kalle wegen einer Wohnung zu ermorden?“

In diesem Moment klingelte Max Handy und er fuhr in eine Seitenstraße und hielt den Wagen an. „„Clara?“, fragte er gespannt und drückte auf Lautsprecher. „„Hi Clara“, flötete Jackie. „„Hallo“, sagte Clara aufgeregt. Soeben kam der Bericht der Pathologie und ich bin mir sicher, für diese Neuigkeit lädt mich Max zum Essen ein.“ „„Schieß los!“, sagte der. „„Ihr wisst, dass Kern davon ausgeht, dass Kalle mit einer Axt erschlagen wurde? Der Gartenzwerg hielt nämlich eine Axt in den Händen und diese Axt fehlt. Außerdem sprachen Kalles schwere Verletzungen am Kopf dafür, dass das die Todesursache war. Aber der pathologische Befund hat etwas höchst Überraschendes ergeben!‘‘

Was hat der Befund ergeben? Und wer war der Mörder? Auf der nächsten Seite findet ihr die Lösung des kniffeligen Berlin Krimi Rätsel #3!