Die Comic Invasion Berlin ist das Comicfestival der Hauptstadt und findet dieses Jahr zum 6. mal statt.
Comic Invasion Berlin 2017 © Bea Davies

Comic-Festival in der Hauptstadt: Bis zum 7. Mai lädt aktuell die Comic Invasion Berlin dazu ein, Comic Art auf verschiedenste Weise zu entdecken und erleben – und das kostenlos! Wir waren am Montag beim Kick-Off und haben mit Organisator Marc Seestaedt gesprochen.

Montag Abend in Berlin-Mitte. Der Kick-Off des knapp zweiwöchigen Comic-Festivals findet in der Galerie Neurotitan statt, unweit des Hackeschen Marktes im geschichtsträchtigen, malerisch verzweigten und Graffiti-geschmückten Hinterhof der Rosenthaler Straße 39. Hier im Neurotitan eröffnet die 6. Comic Invasion Berlin mit der Begleitausstellung. Schwerpunktthema und Gegenstand des diesjährigen Comic-Wettbewerbs: Brücken!

Warum das Thema Brücken brandaktuell ist, was es in den kommenden 1,5 Wochen auf der Comic Invasion noch zu sehen gibt und warum man Comics als Kunstform viel mehr Anerkennung entgegen bringen sollte – darüber haben wir mit Festival-Organisator Marc Seestaedt, selbst auch Comic Artist, gesprochen. Lest selbst!

Marc Seestaedt, Projektleiter der Comic Invasion Berlin im Interview

Die Gewinnerin des diesjährigen Wettbewerbs der Comic Invasion Adi Aviram mit Organisator Marc Seestaedt
Marc Seestaedt mit Wettbewerbssiegerin Adi Aviram

AF: Welche Idee stand am Anfang des Festivals Comic Invasion?

Marc: Ich bin wie auch viele andere Comic-Künstler in Berlin hier irgendwann an die Renate-Comicbibliothek gelangt. Die hat am ersten Montag im Monat immer einen Comic-Stammtisch, da kann man hingehen, kann seine Sachen vorzeigen, bekommt ein bisschen Feedback, lernt die Szene kennen. Und da traf ich 2011 Wandrille Leroy, ein Franzose der einen Verlag für Comics hat, namens Vraoum. In der Zeit hat er in Berlin auch eine Dépendance aufgemacht und vorgeschlagen: warum machen wir nicht ein kleines Festival? Weil es in Berlin zu dem Zeitpunkt einfach kein Comicfestival gab!

Und dann hab ich gesagt, ja finde ich gut, ich helfe dir ein bisschen. Und dann haben wir beide eine ganz kleine Version des Festivals gemacht. Inzwischen ist die Comic Invasion natürlich viel größer geworden. Aber ganz am Anfang stand einfach die Feststellung, dass es in Berlin eine sehr lebendige Comic-Szene gibt, aber eben keine Plattform gab, wo ihre Werke vorgezeigt werden.

AF: Warum trägt das Festival den Namen Comic Invasion?

Marc: Wir haben nach einem Titel gesucht, der eine bestimmte Stimmung ausdrückt.  Ich hatte die Idee, dass das Festival eine Invasion aus Monstern, Freaks und Phantasien sein sollte, die aus der Subkultur an die Oberfläche kommen. Wir hatten auch mal ein Plakat, wo die Comic-Charaktere eben so wie Godzilla über der Stadt thronen. Das fanden wir glaub ich immer gut: die Subkultur und die freakigen Comics, die an die Oberfläche kommen. Die Leute, die sonst in ihrem Studio vor sich hin zeichnen alleine, die eben dann an die Öffentlichkeit kommen und allen Leuten ihre neuen Comics zeigen.

Begleitend zu Comic Invasion gibt es eine Comic-Ausstellung in der Galerie Neurotitan
Die begleitende Ausstellung zur Comic Invasion im Neurotitan

AF: Würdest du sagen, das ist dort, wo Comic heute zuhause ist – in der Subkultur, also abseits vom etablierten Kulturbetrieb?

Marc: Comics allgemein haben jetzt schon sehr viel mehr Präsenz als noch vor 30 Jahren. Ich meine Asterix und Donald Duck kennen irgendwie alle. Aber die Indie-Comics und ernsteren Comics mit erwachseneren Themen – das ist ja erst in den letzten 10 Jahren wirklich im Feuilleton angekommen. Und ich denke schon, dass da noch weitere Arbeit nötig ist. Denn Comics gibt es immer noch nicht in den Kulturförderungsprogrammen. Man kann sich für visuelle Kunst bewerben oder man kann sich als Autor bewerben für Fördergelder in Berlin. Aber es gibt keine eigene Sparte Comics. Auch in vielen bundesweiten Förderprogrammen nicht. Insofern: dafür dass das wirklich auch eine eigene Kunstform ist, dafür muss weiter gekämpft werden, auch in Berlin!

AF: Ist das vielleicht auch ein deutsches Problem? Im angelsächsischen Raum sind Comiczeichner wie Alan Moore doch schon längst als ernst zu nehmende Künstler anerkannt.

Marc: Naja, wir haben nicht so eine Ikone in Deutschland. Ich meine Alan Moore ist natürlich auch so was wie ein Rockstar. Hierzulande fehlt jemand, der wirklich Buch für Buch solchen Feuilleton-Erfolg hatte. Ich sitze auch zwischendurch in Gremien vom Kulturausschuss und das, was ich da immer sage, ist, dass nicht nur das Ansehen steigt, wenn es mehr Förderung gibt, sondern auch die Qualität der Comics steigt. Wenn man einer Szene Geld gibt und signalisiert: das ist nicht nur etwas, was ihr nur zuhause alleine vor euch hin macht am Ende vom Tag, wenn ihr eure Brötchen mit was anderem verdient habt, sondern es gibt hier Förderung, es gibt hier Preise, es gibt hier auch eine finanzielle Unterstützung dafür – dann entstehen auch andere Dinge.

AF: Was ist denn dieses Jahr neu auf der Comic Invasion?

Marc: Neu ist, dass wir zum ersten Mal diese Begleitausstellung hier im Neurotitan haben. Das Neurotitan ist der Ort in Berlin mit dem größten Ausstellungsraum für Comics. Sonst steht man mit solchen Ausstellungen oft in irgendwelchen Bars, wo es laut und rauchig ist und Leute mit ihrer Jacke an den Comics rumkratzen. Also wir sind sehr froh, dass es hier endlich mal geklappt hat. Wir wollten schon sehr viele Jahre hierher. Dieses Jahr gibt es auf der Comic Invasion mehrere Satellitenveranstaltungen, z.B. am 04. Mai mit Bea Davies. Das ist die Wettbewerbsgewinnerin von letztem Jahr. Sie macht mit dem Straßenfeger hier einen Abend, wo es darum geht, dass sie eine Comicserie gemacht hat, in der sie sich mit Obdachlosigkeit beschäftigt hat. Es gibt ein Comic-Symposium am 29. und mehrere Vernissagen mit Comics, die jetzt schon hier ausgestellt sind, aber wo’s noch mal einen Abend mit Lesungen und Präsentationen gibt. Das sind ein paar Highlights.

Das Wettbewerbsthema der Comic Invasion war dieses Jahr "Brücken".
Wettbewerbsbeitrag zum Thema Brücken

AF: Wie kamt ihr auf das diesjährige Wettbewerbsthema Brücken?

Marc: Letztes Jahr gab es das Thema Auf und davon zu einem besseren Ort, wo es auch um die in der Zeit sehr präsente Flüchtlingskrise ging: um die Leute, die jetzt in Berlin ankamen. Ich glaube ein Gedanke war, eine Fortsetzung dieses Themas zu machen: Wie schaffen wir es, Brücken zu schlagen, Brücken zu bauen zu den Leuten, die jetzt hier sind? Und auch unabhängig von den Flüchtlingen: Berlin ist eine sehr bunte Stadt mit einer Menge Zugezogenen. Es gibt eine große türkische und eine große arabische Gemeinschaft, teilweise leben diese Gesellschaften sehr aneinander vorbei. Es gibt Berührungspunkte, aber es gibt nicht viele Freundschaften untereinander. Es gibt viele Kreise, die noch unter sich bleiben. Und da finde ich schon einen wichtigen Gedanken: Wo sind die Brücken? Wo sind die Berührungspunkte?

Comic Invasion - Thema des Wettbewerbs diesmal: Brücken

Comic Invasion Wettbewerb

AF: Was darf man dieses Jahr auf der Comic Invasion auf gar keinen Fall verpassen?

Marc: Also es gibt lauter tolle Satelliten-Veranstaltungen, die sich wirklich alle lohnen! [siehe Programm] Das Programm endet dann mit dem Hauptfestival am 6. und 7. Mai im Urban-Spree. Da sollte man auf jeden Fall hingehen. Da gibt es dann 40 Büchertische mit ganz vielen Berliner ComickünstlerInnen, die ihre neuen Comics vorstellen, noch einmal ein bisschen Wettbewerbsausstellung, Konzerte (z.B. Orchestre Miniature in the Park), Präsentationen, viel Jubel und Trubel.

AF: An wen richtet sich das Festival vor allem? Comiczeichner? Comic-Fans? Neugierige?

Marc: All das! An die KünstlerInnen, um sich zu vernetzen, sowohl untereinander, als auch mit Verlagen. An Comic-Fans um natürlich in Kontakt zu kommen mit ihren Berliner Comickünstlern, die sie interessieren. Aber ein großer Anreiz, das Festival zu machen, war auch immer, dass wir Leute zu Comics hinbringen wollen, die sich sonst nicht mit Comics beschäftigen. Deswegen haben wir auch immer freien Eintritt beim Festival. Ich glaube ein, zwei Satelliten-Veranstaltungen kosten dieses Jahr Geld, der Workshop zum Beispiel, aber die meisten sind kostenlos und das Hauptfestival ist auch kostenlos. Es war uns immer wichtig, dass man sich auch weg bewegt von der kleinen Szene der Comiczeichner und Comicfans und man das Medium wirklich mit Leuten zusammen bringt, die sich sonst nicht mit Comics beschäftigen.

AF: Du warst von Anfang an bei der Comic Invasion dabei, jetzt findet sie schon zum 6. Mal statt – woran erinnerst du dich am Liebsten zurück?

Marc: Also jedes Jahr ist es schön beim großen Festival zu sein, wenn ein schönes Konzert läuft und Leute tanzen zur Musik und 1 m weiter steht ein Büchertisch, wo jemand interessiert steht und einen neuen Comic kennenlernt. Diese Verquickung von Publikumsinteresse und Begegnung. Das finde ich immer sehr spannend anzuschauen. Im ersten Jahr waren wir im HBC am Alex, da hatten wir den Vorteil, dass wir direkt nebenan ein hohes Gebäude hatten und da konnte man mit so einem Laserpointer direkt an das Gebäude malen, das war auch total geil.

AF: Angenommen jemand ist hier, der noch nie einen Comic in der Hand hatte – warum sollte er trotzdem die Comic Invasion besuchen?

Marc: Die Comic Invasion ist für jeden etwas, der sich für Kunst und Kultur in Berlin interessiert. Wir versuchen, die Schwelle so niedrig wie möglich zu halten und das Festival so unterhaltsam wie möglich zu machen. Damit eben auch Leute, die sich noch nicht mit Comic beschäftigt haben, Lust haben, hinzugehen und mal einen Comic in die Hand zu nehmen und sich anzuschauen.

AF: Was für eine Bedeutung haben Comics für dich ganz persönlich?

Marc: Ich habe selber ein paar Jahre eine eigene Comicserie gehabt, die im Berliner Fenster veröffentlicht wurde, die hieß Livestrips, so ein Webcomic. Ich hab früher in der Schule Comics für die Schülerzeitung gezeichnet. Und dann habe ich lange Zeit gar keine Comics gemacht bis ich einen Film gesehen habe, der hieß American Splendour mit Paul Giamatti, wo es um einen Typen geht aus Amerika, der über sein alltägliches Leben Comics gemacht hat, ohne irgendein aufregendes Leben zu haben. Der wirklich aus dem ganz alltäglichen, simplen Workingman’s Life Comics gemacht hat und das fand ich toll und spannend und war inspiriert was eigenes Autobiographisches zu machen.

Und Comic als Ausdrucksform ist einfach spannend, als Zwischenform: es ist ein bisschen Geschichtenerzählen wie Literatur, es ist ein bisschen aber auch rein visuell: Bilder, die sofort eine Stimmung transportieren. Comic hat Elemente vom Film, die Dynamik zwischen einem Panel und dem nächsten und es hat Action und Bewegung. Aber man kann sich sein eigenes Tempo wählen. Es gibt Momente, die zwischen den Panels passieren, wo das Gehirn das selber herstellt, was dazwischen passiert. Das lässt Raum, Dinge rein zu interpretieren, wie bei Büchern. Aber gleichzeitig kannst du in Comics eben auch sehr starke visuelle Reize und Stimmungen kreieren.

AF: Welche 3 persönlichen Lieblingscomics würdest du uns empfehlen?

Marc: Das ist nicht schwer: Ich würde auf jeden Fall sagen American Splendour, weil mich das sehr inspiriert hat als Beispiel für autobiographische Comics. Dann mag ich sehr gerne David Mazzucchelli. Das ist ein Amerikaner, der hat ein Buch gemacht, Asterios Polyp, wo es um einen Architekten geht, ein Kapitel in seinem Leben. Das ganze Buch hat auch so interessante geometrische, abstrakte Momente, wo die Figuren sich auflösen in irgendwelche Kegel und Bälle. Und als Drittes… (überlegt lange) …ach, klar: Watchmen von Alan Moore! Als ein Beispiel für sehr düsteres, aber auch wirklich gut recherchiertes und vielschichtiges und sehr cineastisches Comic-Erzählen.

AF: Was möchtest du zum Thema Comics unbedingt noch loswerden?

Marc: Comics sind eigentlich ein ganz einfaches Ding: man braucht nur ein Blatt Papier und einen Stift oder man kann auch digital arbeiten. Ich hab eine Zeit lang mit Fotos gearbeitet damals, weil ich vom Zeichnen einfach wieder zu weit entfernt war. Comic ist ein einfaches Medium, mit dem jeder arbeiten kann und es ist spannend sich damit zu beschäftigen! Es ist eine ganze Welt voller Erzählreichtum, der leider an vielen Leuten vorbeigeht. Und wo allein in Berlin schon eine Menge zu entdecken ist!

Na dann also: auf zum Comic Festival! Schau doch mal ins Programm der 6. Comic Invasion Berlin!