10 Gesprächsthemen, bei denen du jemand erst mal richtig kennenlernen kannst.

Gott ist tot, Fleisch essen ist Massenmord und es gibt mehr als zwei Geschlechter. Spätestens wenn solche Thesen fallen, weiß man, dass die Smalltalk-Phase eines Gesprächs vorbei ist. Aber schwierige und ernste Themen sollten zwischen guten Freunden und Partnern kein Grund zur Panik sein! Ein Plädoyer, sich gerade dadurch richtig kennen zu lernen!

Früher oder später kommt es in jeder bedeutsamen zwischenmenschlichen Beziehung dazu: Gespräche über heikle Themen, gesellschaftliche Tabus, emotional Besetztes und Grundsatzfragen. Man redet plötzlich ganz buchstäblich über Gott und die Welt.

Im Umgang mit Bekannten, Kollegen und Verwandten, die man nicht gut kennt, macht es oft Sinn, kontroverse Themen zu vermeiden. Man möchte ja höflich miteinander umgehen. Gesprächsthemen, die an die innersten Überzeugungen rühren, sind da hinderlich: man kann dem anderen viel zu leicht auf die Füße treten und schon ist das Verhältnis gestört.

Und auch beim ersten Date sind Themen, bei denen es ums Ganze geht, nicht unbedingt zu empfehlen: schließlich will man sich dabei ja zuerst etwas beschnuppern und nicht gleich eine Grundsatzdebatte führen.

Wen will man richtig kennenlernen?

Aber ganz ehrlich: was macht denn eine echte Freundschaft aus? Und was eine wirklich enge Beziehung? Dass man über alles reden kann, wirklich über alles. Und das man auch durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann, ohne dass daran gleich die Freundschaft oder Beziehung zerbricht.

Gerade mit den Menschen, die mir besonders nahe stehen, habe ich schon einige tolle Gespräche über die ganz großen Themen geführt und dabei viel über meinen Gesprächspartner, aber auch mich selbst gelernt. Das solche tiefen Gespräche möglich sind, macht für mich eine wirklich enge Freundschaft aus. Und das Gleiche gilt auch für eine gute Beziehung.

Zu einem guten Gespräch gehört, sich die Meinung des anderen genau anzuhören, nicht rechthaberisch zu sein, wenn man anderer Meinung ist und sich auch in eine leidenschaftlich geführte Diskussion nicht all zu sehr hineinzusteigern. Was manchmal gar nicht so einfach ist. Wenn man aber jemanden richtig kennen lernen will, sollte man auch vor heiklen Gesprächsthemen nicht zurückschrecken, im Gegenteil!

10 Gesprächsthemen, die du nicht meiden solltest, wenn du jemand richtig kennenlernen willst

Beim Gespräch über Tabuthemen kann man auch langjährige Freunde nochmal anders und richtig kennenlernen.
Beste Freunde im Gespräch

1. Religion: Gibt es Gott (und wenn ja wie viele)?

Hast du schon mal eine Diskussion darüber geführt, ob es Gott gibt, oder nicht? Wenn ja, dann weißt du sicherlich, egal welchen Standpunkt du selbst vertrittst, dass man dabei schnell an die Grenzen rationaler Argumente kommt.

Umso wichtiger ist es, die Meinung des anderen nicht als kompletten Quatsch abzutun, sondern als legitime Sicht zu akzeptieren. Außerdem ist es viel interessanter, herauszufinden, worauf sich die Meinung des anderen stützt: warum glaubt er an das, was er glaubt? Welche Überlegungen bringen ihn dazu, gläubiger Christ zu sein oder auch Muslim, Agnostiker, Atheist, Esoterik-Anhänger?

Bei Religion geht es um das ganz große Weltbild: was passiert hier überhaupt? Was ist das Universum? Und was ist der Sinn des Lebens, wenn es einen gibt? Ein Gesprächsthema also, bei dem man viel darüber lernt, was jemandem wirklich wichtig ist und wie er die Welt sieht.

2. Politik: Einwanderung, Managergehälter und der Nahostkonflikt

Ich kann mich noch gut daran erinnern: Verwandte sind zu Besuch, man unterhält sich und alles ist harmonisch. Bis wir die Nachrichten einschalten und jemand es sich nicht verkneifen kann, einen knappen Kommentar abzugeben. Sofort entbrennt eine politische Debatte und die Stimmung ist im Eimer. Besonders heiße Themen: Einwanderung, soziale Gerechtigkeit und natürlich der Nahostkonflikt.

Trotzdem lohnt es sich, mit den Menschen, die einem nahe stehen über diese Themen zu diskutieren! Es gibt keine bessere Chance, den eigenen politischen Horizont zu erweitern. Denn wem hört man eher zu, als diesen Menschen?

3. Verschwörungstheorien: Chemtrails, 9/11, Lügenpresse und die Illuminaten

Mitunter führt ein Gespräch über Politik unversehens zu einer Diskussion über alternative Ansichten zur Weltpolitik, sprich: Verschwörungstheorien. Viele davon sind harmlos oder so absurd, dass man sich prima darüber lustig machen kann (Stichwort: Echsenmenschen)!

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn dein Gegenüber überzeugt von einer Theorie ist. Vor allem da eine ganze Reihe dieser alternativen Theorien deutliche Überschneidungspunkte mit rechtsextremem Gedankengut haben. Gerade wenn man seinen Gesprächspartner noch nicht allzulange kennt, sollte man aufhorchen und abtasten, welches Welt- und Menschenbild dahinter steht.

Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass man nach einem solchen Gespräch auf Distanz geht. Denn wenn die Überzeugungen sich grundlegend unterscheiden, geht man emotional automatisch auf Abstand. 

4. Feminismus und Gendertheorie: Wahn oder Wirklichkeit?

Auch den Partner kann man erst richtig kennenlernen, wenn man auch über kontroverse Themen spricht.
Auch unter Freunden darf eine Diskussion mal hitzig werden

Dass Frauen an den Herd gehörten und Männer nun mal die größeren Gehirne hätten, wird so wohl kaum jemand noch ernsthaft in einer Debatte sagen. Dennoch ist Feminismus oder was man konkret darunter versteht, immer noch ein heißes Eisen. Darf Prostitution legal sein? Ist Pornographie prinzipiell erniedrigend? Frauenquote: ja oder nein? Und ist eine arbeitende Mutter eine Rabenmutter?

Diese Fragen sorgen immer noch regelmäßig für hitzige Diskussionen, übrigens auch unter Frauen. Hinzu kommt noch, die in den letzten Jahrzehnten an Universitäten immer populärer gewordene Gendertheorie. Nach der Gendertheorie wird vereinfacht gesagt, das soziale Geschlecht, also geschlechtstypische Verhaltensweisen, ist eine reine Konstruktion und muss völlig losgelöst vom biologischen Geschlecht betrachtet werden. Dieser Ansatz hat eine ganze Woge der Entrüstung ausgelöst und wird nicht nur von patriarchalisch eingestellten Männern in Frage gestellt.

Mehr Zündstoff also, aber auch ein super Thema für spannende Gespräche und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven, bei dem sich Frau und Mann richtig kennenlernen können.

5. Sexuelle Neigungen: Wer darf eigentlich mit wem und was und wann?

Als Schwuler musste ich mir schon oft von Menschen Fragen stellen lassen, die sicherlich nicht diskriminierend gemeint waren, aber in meinen Ohren einfach ziemlich absurd klangen: Wann wurdest du schwul? – Das ist jetzt nicht böse gemeint, aber was ist denn da falsch gelaufen? Oder besonders philosophisch: Wenn man das eine doch schon hat, wieso sucht man das dann nochmal und nicht das andere?

Worauf ich hinaus will: auch in unserer westlich-aufgeklärten, freizügigen und streckenweise pornoisierten Gesellschaft kann ein Gespräch über Sex noch an latente oder offene Tabus und Vorurteile rühren. Und das betrifft nicht nur sexuelle Orientierung und sexuelle Identität und Fragen wie… Dürfen transidente Jugendliche schon Hormone schlucken? Sind Kinderbücher über Schwule, Lesben und Transgender wirklich notwendig? etc.

In jedem Fall, lernt man beim Thema sexuelle Neigungen viel über die Toleranz, Offenheit, Tabus und Ängste eines Freundes oder Partners.

6. Was ist die richtige Erziehung?

Spätestens wenn man eigene Kinder hat, wird das Thema Erziehung zu einem Grundsatzthema, bei dem Menschen ziemlich bald feste Überzeugungen entwickeln. Denn natürlich hat man als Elternteil den Anspruch, seine Kinder richtig zu erziehen und reagiert höchst empfindlich auf gut gemeinte Ratschläge von anderen, auch von Freunden. Und nicht zuletzt kann ja auch zwischen den Eltern Uneinigkeit bestehen, was Erziehungsmethoden anbelangt. Umso wichtiger, dann darüber vernünftig und ausgiebig zu sprechen!

Wenn man mit einem Freund über Erziehung spricht, ist wichtig, dass man nicht den Eindruck vermittelt, jemandem in die Erziehung seiner Kinder reinreden zu wollen bzw. alles besser zu wissen (auch wenn man vielleicht als erstes Kinder hatte). Und umgekehrt sollte man den Ratschlag eines Freundes oder eine von ihm geäußerte andere Ansicht zu Erziehungsmethoden nicht sofort als persönlichen Angriff werten. Lieber offen das Für und Wieder diskutieren und vor allem Erfahrungen austauschen.

Bevor zwei befreundete Familien zusammen in Urlaub fahren, sollten sich die Eltern auf jeden Fall auf ein paar Regeln einigen, z.B. wann die Kinder welchen Alters im Bett sein müssen. So kann man unnötige Konflikte im gemeinsamen Urlaub von vornherein vermeiden.

7. Abtreibung: Wann beginnt das Recht auf Leben?

Die Debatte um Abtreibung wird hierzulande zwar nicht ganz so militant geführt wie in den USA, wo die Lager der Abtreibungsgegner und -befürworter die plakativen Slogans PRO LIFE und PRO CHOICE herausgebildet haben. Aber dennoch ist es ein durchaus kontroverses Thema und es gibt letztlich auch nicht nur zwei Positionen. Zum Beispiel: wenn eine Frau vergewaltigt wurde, würde ihr mit Sicherheit eine größere Mehrheit das Recht auf Abtreibung zubilligen, als wenn ihre Schwangerschaft die Folge eigener Nachlässigkeit war.

In einer Partnerschaft ist dieses Thema natürlich nochmal heikler, aber eigentlich umso wichtiger mal drüber zu sprechen – bevor es ungeplant relevant werden könnte.

8. Tierschutz, Tieresser und die, die sie Mörder schimpfen

Die Frage nach dem Wert von Leben spielt natürlich auch eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob man Fleisch isst, oder nicht bzw. ob man tierische Produkte generell ablehnt. Auf der einen Seite stehen extreme Tierschützer, wie die von PETA, für die die Tötung und der Verzehr eines Tiers in jeder Hinsicht gleichzusetzen ist mit der Tötung und dem Verzehr eines Menschen – also ein Akt absoluter Barbarei.

Auf der anderen Seite steht die Fleisch-ist-mein-Gemüse-Fraktion, für die wiederum Vegetarier und Veganer einfach irre Ökohippies sind, die ihnen ständig Vorschriften machen und den Genuss eines saftigen Steaks verbieten wollen. Die meisten Menschen haben allerdings wohl eine Meinung irgendwo in der Mitte. Also z.B.: Biofleisch ist ok, aber Massentierhaltung nicht. Oder: Ich esse kein Fleisch, aber das muss jeder selber wissen.

Trotzdem habe ich schon einige Gespräche und Diskussionen mit Freunden geführt und mitbekommen, bei denen die Meinungen aufeinandergeprallt sind. Was soll ich sagen: Seid tolerant und hört einander zu!

9. Krieg und Frieden: Gewalt ist (k)eine Lösung

Gewalt ist keine Lösung. Oder doch? Als erste Maßnahme und als Universalmittel – nein das würde wohl kein vernunftbegabter Mensch behaupten. Aber was, wenn unser Land angegriffen wird? Sollen wir wehrlos zuschauen, weil wir lieber radikale Pazifisten sind, als uns zu verteidigen? Und was ist, wenn ein anderes Land angegriffen wird und unserer Hilfe bedarf? Haben wir das Recht, einzugreifen und Truppen dorthin zu schicken? Vielleicht sogar die Pflicht?

Kosovokrieg, Irakkrieg, die Verteidigung der deutschen Grenzen am Hindukusch – militärische Einsätze und die Frage ob und in welchem Fall sie legitim sind, bewegen die Gemüter. Kein Wunder angesichts unserer Geschichte im 20. Jahrhundert. Aber kann radikaler Pazifismus die Lösung sein? Was würde passieren, wenn z.B. die USA alle ihre Atomwaffen verschrotten würde? Oder auch nur das gesamte in Europa stationierte Militär abziehen würden?

10. Tod, der eigene: Angst und Hoffnung

Täglich ist der Tod in den Nachrichten präsent: Terror, Krieg, Erdbeben, Epidemien. Dennoch ist der eigene Tod immer noch ein großes Tabuthema. Klar: ist auch nicht gerade das heiterste Gesprächsthema für eine nette Runde bei Bier und Salzstangen. Das sind ja die meisten Themen in dieser Liste nicht.

Aber mit dem besten Freund oder dem Partner gibt es Momente, in denen man einfach das Bedürfnis hat, über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu sprechen. Hier schließt sich der Kreis zum ersten Thema: Religion.

Was glaubt der andere eigentlich, passiert nach dem Tod? Zerfällt man einfach zu Erde oder passiert da noch was? Hast du Angst vor dem Tod? Wie stellst du dir den Tod vor?

Solche Fragen sind für viele Menschen heutzutage intimer als z.B. die Frage nach ihren sexuellen Vorlieben. Umso mehr Bedeutung hat es, mit jemandem darüber zu sprechen. Man erhascht einen Blick auf das Innerste einer Person: seine Hoffnungen und Ängste.

Fazit

Erst, wenn Freunde über alles reden können, werden sie sich richtig kennenlernen.
Gute Gespräche prägen gute Freundschaften

Bei solchen Gesprächen kann man unter Umständen selbst jemanden, den man schon Jahre lang kennt, erst richtig kennenlernen. Genau deshalb sollte man aber auch niemals, wirklich NIEMALS jemandem ein solches Thema aufzwängen und respektieren, wenn der andere über etwas nicht sprechen möchte.

Ansonsten gilt: Wenn es sich aus der Situation oder im Gespräch natürlich ergibt, können gerade die heiklen, peinlichen, schwierigen und kontroversen Themen die besten Gespräche mit Freunden hervorbringen. Es geht eben ans Eingemachte. Und erst dann, lernt man jemand richtig kennen. Oder?

Bei welchen Gesprächsthemen kann man deiner Meinung jemand erst richtig kennenlernen?