THE HAUS in Berlin ist das derzeit größte Street Art Projekt der Welt.
The Haus

Genau bis zum 31. Mai kann man in Berlin das größte Street-Art-Projekt der Welt bestaunen, kurz danach wird THE HAUS dem Erdboden gleichgemacht.

Die Schlange geht einmal um die Ecke der Nürnberger Straße, geschätzt 300 Menschen warten an diesem Freitag morgen mit mir darauf den vorübergehenden Tempel der Street Art betreten zu dürfen: THE HAUS.

Als ich mein Fahrrad anschließe, gehen zwei Berliner Schickeria-Ladies vorüber (ich bin schließlich in Charlottenburg und das KDW ist nicht allzu weit) und machen sich schlaue Gedanken zu dem Besucherandrang auf das graffitibesprühte Gebäude: „Ob das alles Arbeitslose sind?“ – „Nein, nein, das sind die jungen Gutverdiener, die können sich das leisten Freitag morgens zu einer Party anzustehen.“ Ich verkneife mir, laut loszulachen und steuere auf die Schlange zu. Zum Glück steht mein Kumpel schon eine Weile an, so dass ich mich nach guter Berliner Sitte seitlich in die Schlange integrieren kann, ohne den Unmut der hinter mir stehenden zu erregen.

Angeblich werden immer nur maximal 199 Besucher gleichzeitig in das zum Abriss bestimmte Bankgebäude gelassen, erfahre ich. Familien mit kleinen Kindern und Gehbehinderten wird allerdings netterweise der Vortritt gelassen in das derzeit größte Street-Art-Projekt der Welt. Von außen kündet nur ein aus etlichen Tags gebildetes Großgraffiti in Form eines großen H von der gewaltigen Schatzkammer, die sich darin verbergen soll. Darunter gesprüht weist das Wort BERLIN ART BANG orakelhaft darauf hin, was uns erwartet: eine Explosion, ein Big Bang an kreativer Energie!

ENTER THE HAUS

The Haus ist das größte Street Art Projekt der Welt
The Haus

Nach ca. einer halben Stunde ist es endlich soweit und wir dringen ein in THE HAUS. Unsere Handys müssen wir allerdings in kleine Plastiktaschen packen und zukleben. Fotografieren, telefonieren, whatsappen – total verboten!

Und das erweist sich als großes Plus beim schlendern durch THE HAUS, denn während ich bei den ersten Räumen noch ständig den Impuls hatte, nach meinem Phone zu greifen und ein Bild zu machen, empfand ich es nachher als angenehm befreiend, nicht knipsen zu dürfen. So konzentriert man sich wirklich absolut auf das hier und jetzt, nimmt einfach in sich auf, was einem vor Ort geboten wird. Da ich schon längst keine Armbanduhr mehr trage (hat man ja auch im Handy) war ich auch angenehm zeitbefreit unterwegs.

THE TRIP

Über 165 Künstler beteiligten sich am Projekt THE HAUS
Seltsame Geschöpfe (Künstler) in THE HAUS

5 Stockwerke voller unfassbar geiler Street Art von 165 Künstlern wollen erst mal bewältigt werden. THE HAUS ist ein visueller Overload und jeder der ca. 60 Räume verströmt seine ganz eigene Aura: unheimlich, witzig, schrill, erotisch, poppig, gesellschaftskritisch, nachdenklich, provokant oder berührend…

In einem Raum brechen die Füße eines Riesen durch die Decke und stehen riesig und klobig vorm Betrachter. Von den Wänden eines anderen Raums grinsen einen diabolische Neon-Fratzen im Schwarzlicht an, im nächsten Raum dreht sich eine riesige Skulptur im Kreise, die aussieht wie ein dreidimensionaler in alle Richtungen zugleich wuchernder Graffiti-Tag.

Wieder andere Räume sind übersät von Mustern aus schier unendlichen Gesichter, ineinander übergehenden Formen und Figuren. Heizkörper und Toaster werden zu Hunden, unförmige Tentakelwesen gebären Farbexplosionen und sogar die Toiletten sind künstlerisch umgestaltet: eine ist mit großen Plüschformationen ausgekleidet in einer anderen fluoeszieren verschiedenfarbige Ananasfrüchte an den Wänden. Ich debattiere mit meinem Kumpel ob es wohl eher cool oder uncool wäre auf LSD in THE HAUS unterwegs zu sein. Wir vermuten, es wäre wohl zu verstörend.

Eine weitere Freundin hält das Motiv der in einer Toilette auf jede einzelne kleine Kachel geklebten Sticker auf den ersten Blick für ein Donut. Erst als wir sie auffordern etwas näher zu gehen, erkennt sie lachend, was es wirklich ist… (Tipp: Das gleiche Wort bezeichnet auch florale runde Kirchenfenster)

THE FAZIT

Einer der Räume in dem Street Art Gesamtkunstwerk THE HAUS
Einer der vielen Räume in THE HAUS

Einige der Street Artists haben ganz klar eine soziale Message: es geht um Junk-Food, Kinderprostitution, Voyeurismus im digitalen Zeitalter, Korruption und Zynismus in Politik und Wirtschaft. Schön, dass das mal ein Bankgebäude war, denke ich. Schön, dass doch noch was Gutes draus geworden ist!

Wenn auch nur kurz, viel zu kurz: Nur noch bis zum 31. Mai ist THE HAUS zu besichtigen. Von Dienstag bis Sonntag, 10:00-20:00 Uhr. Man zahlt beim Austritt eine freiwillige Spende.

Ich kann jedem, der irgendwie die Möglichkeit hat, THE HAUS noch in den nächsten 2 ½ Wochen zu besuchen, dies nur dringendst empfehlen!!! Zwar sind alle Kunstwerke auch in einem Bildband, passend THE BUCH betitelt, festgehalten, der innerhalb kürzester Zeit schon zweimal ausverkauft war – aber das ist dennoch nicht dasselbe, wie die Räume live gesehen zu haben, sich darin bewegt zu haben. Manche Kunstwerke darin sind derart beeindruckend räumlich, dass ihnen ein Foto einfach nicht gerecht werden kann. Eines Bild z.B.  ist so genial auf die Ecken, Kanten und Krümmungen des Zimmers gemalt (teils auch in den Teppich geschnitten), dass man vor Bewunderung erstmal eine Weile stehen bleibt. Aber das ist längst nicht der einzige Wow-Effekt, der den Besucher in THE HAUS erwartet.

Künstlerin in THE HAUS
Eine von 165 KünstlerInnen

The Haus, Nürnberger Straße 68/69. Di -So, 10 bis 20 Uhr. Bis 31.05.2017. Website: www.thehaus.de